Sachen schieben (II)

 Immer mehr alltägliche Sorgen werden als medizinisch behandlungsbedürftig dargestellt. Im Katalog psychischer Störungen (DSM-V /2013) wurden weitere Krankheiten ersonnen.

 

Nachdem ich mich bereits im Jahr 2011 (in Sachen schieben DSM-III) mit den recht willkürlichen Zuordnungen durch  das "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen" (DSM) beschäftigt habe und im Katalog von DSM-III zu DSM-IV die Anzahl der Krankheitsbilder um 115 neue erweitert wurde, wird nun von den Autoren noch eins drauf gesetzt: DSM-V ist da.

Noch mehr an sich normale und alltägliche Sorgen werden unter medizinischen Aspekten betrachtet und bewertet. Mit einem erweiterten Katalog psychischer Störungen hinter sich, werden ab Mai 2013 wohl viele neue Medikationen empfohlen und verordnet. Denn, was im DSM steht, beeinflusst maßgeblich den ICD-10. Den Diagnoseschlüssel der WHO, mit dem auch Mediziner und Psychologen in Deutschland arbeiten und abrechnen.

 

 

Der Ausstieg

Mitautor Allen Frances hat nun allerdings, als mittlerweile Siebzigjähriger, einiges dazugelernt.

 

 

Er ist, als einer der vormals an den DSM-Katalogen Mitwirkenden, an dieser Stelle endlich ausgestiegen. Und tritt dem Ganzen nun entschlossen entgegen. Der Professor für Psychiatrie kämpft in seinem aktuellen Buch gegen die falsche Schlussfolgerung, dass wir psychisch immer kränker werden. Die „Fachleute“ verschieben letztlich nur die Kategorien: was über Jahrhunderte üblich und normal war, gilt neuerdings als Krankheit. Und Krankheiten müssen und können in unserer Gesellschaft bekanntlich medikamentös behandelt werden. Spätestens hier erinnert man sich, dass auch dieser neue Katalog laut Pressemeldungen von der Pharmaindustrie gesponsert wurde. (Allen Frances kann sich angeblich an die genauen Namen von Pharmafirmen in dem Zusammenhang nicht mehr erinnern.)

 

 „Das DSM bestimmt, wo die Grenze zwischen normal und gesund verläuft. Und das ist eine Grenze, die bisher mit jeder neuen Ausgabe des DSM in den Bereich des Normalen verschoben wurde.“[…]“ Je weiter die Psychiatrie voranschreitet, desto weniger Normale bleiben übrig. Einer Studie zufolge erfüllen schon mehr als achtzig Prozent der jungen Erwachsenen die Kriterien für eine psychische Störung. Das sei irre, sagt der US-amerikanische Psychiater Allen Frances. "Die diagnostische Inflation hat dafür gesorgt, dass ein absurd hoher Anteil unserer Bevölkerung heutzutage auf Antidepressiva, Neuroleptika, Anxiolytika, auf Schlaf- und Schmerzmittel angewiesen ist", schreibt er in seinem soeben erschienenen Buch "Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen".“ (Spiegel)

 

"...mehr als achtzig Prozent der jungen Erwachsenen erfüllen die Kriterien für eine psychische Störung!" - Mir das vorzustellen, dazu reicht meine "normale Phantasie" irgendwie nicht mehr aus.

 

Wo willkürliche Diagnosen außerdem hinführen können, zeigt sich unter anderem bei dieser staatlich inszenierten Zwangspsychiatrisierung.

Noch ein 6-Minuten-Video-Beitrag dazu.(ARD)