Kinder im Maul

 

Eines lernen wir Menschen besonders früh und auch sehr gern. Es macht Spaß, Kindern dabei zuzusehen: Das Lamm gehört zum Schaf, wie das Fohlen zur Stute, die Kätzchen zur Katze und das Kälbchen zur Kuh. Das lernen wir relativ früh und das wissen wir dann auch alle. Das ist überall so. In allen Bilderbüchern und auf jedem Bauernhof und bekanntermaßen bei all den anderen Säugetieren, die uns entwicklungsgeschichtlich nahestehen.

Soweit zu diesem Teil unseres früh erlernten Wissens. Wir lernen natürlich weiter. Zum Beispiel, dass, wo es biologisch möglich ist, sich die Geschlechter auch häufig die Nachwuchsaufzucht teilen. Bei vielen Vogelarten zum Beispiel sind beide Elternteile für die Brut verantwortlich. Bei einer Sorte Laufhühner legt ein Weibchen seine Eier sogar verteilt auf bis zu sieben Nester und beschäftigt damit ebensoviele Hähne gleichzeitig. Es gibt allerdings wohl insgesamt weniger Tiere, bei denen die Brutpflege vollständig zum Männchen übergeht. Bei den Kampfwachteln und auch bei verschiedenen Maulbrütern ist das der Fall. Hier übernehmen dann die Männchen Schutz und Pflege der Nachkommen, wo die Mütter ihren Nachwuchs allenfalls als Beute begreifen und auffressen würden.

Und etwas ganz besonderes hat sich bekanntermaßen beim Kuckuck entwickelt. Der nutzt wie selbstverständlich die fest verankerten Fütterungsreflexe anderer Vogelarten und gibt sein Junges von Beginn an bei Fremden in Pflege. Diese ziehen dann mit großem Einsatz, jedoch fälschlicher Weise, ein Kuckucksjunge als ihr Eigenes auf.

Dann ist da noch die große Zahl derer, die Ihre befruchteten Eier von Mutter Natur ausbrüten lassen, wie etwa Frösche, Schildkröten oder Kaimane. Oder aber einige Korallen-, Quallen- und andere Wasserlebewesen, die Befruchtung und Aufzucht gar komplett dem Meer überlassen.

Es gibt vermutlich noch wesentlich mehr unterschiedliche Möglichkeiten die Nachkommen aufzuziehen. Mit den Menschenkindern ist es freilich wie bei den anderen Säugetieren auch. Wir ordnen den Nachwuchs sinnvoller Weise zuerst einmal der Mutter zu. Er muss ja schließlich gesäugt und gekuschelt werden und er war immerhin etwa neun Monate aufs Allerengste mit der Mutter verbunden, ja man könnte sagen, er war quasi als ein Teil der Mutter in ihr drin. Und selbstverständlich irritiert es uns, wenn Mutter und Kind getrennt werden. Je jünger das Kind ist, desto stärker ist unser Unbehagen. Wir nehmen wahrscheinlich alle erst einmal an, dass die Mutter oder das Kind oder vermutlich alle Beide, darunter leiden würden.

Diese Denkweise ist, wie unendlich viele andere Sichtweisen auch, über etliche Jahrtausende von Generation zu Generation übermittelt worden. Die meisten Ansichten haben sich nachweislich über all die Jahre im tagtäglichen Leben außerordentlich bewährt und sind ziemlich tief in unserem Wertesystem, im sogenannten limbischen System verankert. In der Neurowissenschaft wird das limbische System auch als "emotionales Machtzentrum im Gehirn“ bezeichnet.

Welchen Einfluss  dieses lebenswichtige Wertesystem auf uns hat, kann man sehr schön an sich selbst erfahren, wenn man dieses Foto etwas länger (cool bleiben, denn ca. 80-90% der Betrachter entdecken diesen "Fehler" nicht!) betrachtet oder sich ein kleines Filmchen im Internet ansieht. In diesem, nur einige Sekunden dauernden Film, wird eine Gesichtsmaske um ihre Achse gedreht. Solange man dieses menschliche Gesicht von vorn ansieht, ist optisch alles wie immer. Man sieht ein Gesicht in drei Dimensionen. Wenn es sich jedoch weiter dreht und der Moment kommt, an dem man eigentlich in die Maske hineinschauen würde, flippt dieses Bild, und man hat keine Möglichkeit mehr willentlich in die Vertiefungen der rückwärtigen Maske zu sehen. Es erscheint uns, als würden wir die Maske wieder von vorne sehen, obwohl wir gerade deutlich gesehen haben, dass sie uns ihre Rückseite zugedreht hat. Unser Limbisches System verhindert das. Weil es mit Sicherheit „weiß“, dass es üblicherweise weder „hohle Gesichter“, noch "Hände mit sechs Fingern", wie auf dem verlinkten Foto, geben kann. Das heißt, unser Limbisches System hilft uns aus dem Zweifel mit einer dezenten Sinnestäuschung, wenn ihm denn die Welt zu unsicher wird. Faszinierend.

 

Nun zurück zu den menschlichen Miteinander. Zum richtigen Leben und wieso mich dieses Thema überhaupt beschäftigt.

Leider ist es mittlerweile kein Einzelfall mehr. Obwohl ein Kind unbedingt bei seinem Vater leben will, entscheiden die Gerichte sich gegen seinen Herzenswunsch. Der Kindeswunsch und das Kindeswohl werden ignoriert. Oft unbegründet. Meist durch Verweigerung oder Unterlassung. Es betrifft sowohl das Sorgerecht als häufig auch den dauernden Aufenthaltsort des Kindes.

 

Dazu Auszüge aus einem  Interview erschienen im „Stern“ vom 3. 12.09 mit Frau Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz:

 

Frau Seiffge-Krenke, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Sorgerecht lediger Väter in Deutschland gestärkt. Wie wichtig war das für deutsche Väter?

Das ist ganz wichtig. Viele Väter müssen bei Gerichten als Bittsteller auftreten, wenn sie das Sorgerecht für Ihre Kinder bekommen wollen. Selbst wenn die Mütter nachweislich nicht gut für die Entwicklung der Kinder sind, ist es nicht selbstverständlich, dass die Väter den Zugang zum Kind bekommen. Dagegen fordert kein Gericht von Müttern Beweise für Ihre Kompetenz - nur die Väter müssen belegen, dass Sie mit einem Kind gut umgehen können. Gerichte und Jugendämter gehen generell davon aus, dass die Mütter das Sorgerecht bekommen. Dabei gibt es auch Mütter, die alkohol-, drogenkrank oder neurotisch sind und dem Kind keine angemessenen Entwicklungsmöglichkeiten bieten können. Da sind Gerichte, aber auch Jugendämter, oft auf einem Auge blind.

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Weil sie den Vater als Gefahr sehen?

Zum Teil. Aber auch aus einer falsch verstandenen Mutterrolle heraus, weil sie denken, nur sie wüssten, wie man die Butterbrote schmiert und das Kind würde beim Vater nicht richtig versorgt. Väter machen es ja tatsächlich ein bisschen anders. Aber wer sagt denn, dass das schlechter wäre? Es ist vor allem eine merkwürdige Mutterideologie, die zu diesem Gatekeeping führt. …

In Ihren Bestrebungen werden sie (die Mütter) von den Institutionen unterstützt.

Leider ja. Von Jugendämtern, von Gutachtern, von Gerichten. Ich finde, das ist ein absolut konservativer Rollback. Ich habe kürzlich auf einem Vaterkongress wieder Fälle gehört - da fasst man sich an den Kopf. Ein Vater hat das Kind 12 Jahre lang aufgezogen, weil die Mutter 100 Kilometer entfernt arbeitete und nur am Wochenende nach Hause kam. Die Eltern ließen sich irgendwann scheiden. Aber die Mutter bekam das Sorgerecht. Nun muss der Vater mit ganz viel Mühe versuchen, es sich zurück zu erkämpfen. Der Junge wurde mit einem Mal ganz schlecht in der Schule und ist delinquent geworden. Absurderweise argumentieren Behörden dann: Das könne nur die Mutter auffangen - auch wenn die sich 12 Jahre lang nicht gekümmert hat. Es gibt viele solcher Fälle. Es sind natürlich oft Frauen, die Gutachten für Gerichte schreiben, wo gelegentlich auch Richterinnen sitzen.

 

Mit mehr Verständnis für das eigene Geschlecht.

Die sehen nicht immer ein, dass Väter das auch können. Und oft glauben sie eher den Müttern. Das absurdeste Beispiel ist der Missbrauchsvorwurf. Damit wollen manche den Mann endgültig ausschalten, wenn sie es anders nicht schaffen. Auf der Vätertagung habe ich fünf Väter kennen gelernt, alles Akademiker, darunter ein Jurist und ein Internist, die sich vor Gericht gegen solche Vorwürfe wehren mussten. Das kann derart rufschädigend sein. Bringen Sie da erst mal Gegenbeweise.

 

Ich stimme nicht in allem, den mir manchmal etwas harsch erscheinenden Interpretationen von Frau Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke zu, vermute jedoch, unser Limbisches System unterstützt die beschriebenen Entwicklungen und sorgt letztendlich auch für derartige Gerichtsentscheidungen. Dieses System wird wohl nicht zu Unrecht als "emotionales Machtzentrum im Gehirn“ bezeichnet.

 

 

 

Kleiner Nachtrag:

In solch einem Zusammenhang ist heute auch der sogenannte „Semmelweis-Reflex“ besser zu verstehen.

Ignaz Semmelweis versuchte seinerzeit gefährliche Irrtümer über das Kindbettfieber aufzuklären. Er bat seine Kollegen im Krankenhaus, sich nach einer Leichensektion die Hände zu reinigen, bevor sie wieder Geburtshilfe leisteten. Er scheiterte jedoch mit seinen Darlegungen zur Übertragung der Krankheiten und verzweifelte dann irgendwann an der Ignoranz seiner Kollegen und dem vorherrschenden „Mainstream“. Jahrzehnte nach seinem Tode wurde er dann „Retter der Mütter“ genannt.

 

 

(Dieser Beitrag wurde bereits vor einiger Zeit in der Wochenzeitung "der Freitag" in meinem dortigen Blog veröffentlicht)