Scheinzypresse

Ich hab ihm geglaubt. Natürlich. Alles. Einfach so.

 

Januar, Morgens acht Uhr, ein Blick aus dem Schlafzimmerfenster. Leichter Rauhreif auf dem Rasen. Der Nachbar lichtet einen Lebensbaum aus. Schnittstellen leuchten im Morgengrauen. Er hat ‘ne neue Säge. Dreimal hin und her, einmal ausatmen. Es scheint ihm zu gefallen. Er lichtet und lichtet. Immer mehr helle Stellen tauchen auf. Wenn er sich weit über die Säge beugt, meint man, sein heller Atem komme direkt aus der Baumwunde. Und die fast weißen Flecken vermehren sich. Gerade, als ich denke er will dem Baum Stück für Stück das Leben nehmen, hält er ein.

 

Ich setze mich auf die Bettkante, um zuzusehen, wie er die toten Zweige entfernt.

 

Wieso bloß erinnern mich diese weißen Stellen an gute Tage, frische Luft, ein Gefühl von Sicherheit und „Alles ist in Ordnung“ ?

 

Die durchs Fenster einströmende trocken - kalte Winterluft und geschlossene Augen lassen Erinnerungen aufsteigen.

 

Bilder von grauen, selbstgestrickten Fausthandschuhen, mittels einer durch die Jackenärmel gezogenen Kordel miteinander verbunden. Frostig raschelndes Laub. Geheimnisvoll ruhig, aufmerksam. Wir haben etwas zu erledigen. Im Wald. Männersache. Mein Vater und ich.

 

Wenn möglich gehe ich neben ihm, ansonsten bleibe ich dicht auf seinen Fersen. Für seine zwei Schritte benötige ich fast drei. Er trägt eine schwarze Bügelsäge mit Holzgriffen über der linken Schulter, in der rechten Hand eine Axt. Wir werden Bäume fällen. Und leuchtend weiße Schnittstellen im Wald erzeugen.

 

Irgendwie werden die Bäume ausgewählt. Buchen und Birken, mindestens so dick wie mein Hals. Ich muß zurücktreten. Erst fliegen weiße, mit der Axt herausgehauene Holzstückchen durch die Luft, dann wird gesägt. Der erste Stamm liegt.

 

Ich stehe herum. Kann noch nicht so richtig mithelfen.

 

Mein Vater geht den zweiten Baum an und hält inne. Er kommt zu mir. Ich bekomme eine Aufgabe. Er zeigt mir wie’s geht.

 

Ich scharre, neben jedem frisch gefällten Baum, das trockene Laub mit dem Fuß zur Seite und lege den Waldboden bloß. Die Erde ist bröselig und sie rieselt mir durch die nackten kalten Finger, während ich sie zum leuchtenden Baumstumpf trage.

 

Ich soll den Stumpf mit Erde bedecken, das ist so wie ein Pflaster auf die Wunde, sagt er.

 

Beinahe liebevoll und sehr sorgfältig versorge ich den Stumpen, sammel anschließend die herumliegenden, hellen Holzspäne, die Klötzchen und die Splitter in der geschaffene Erdmulde. Dann decke ich alles großzügig mit Laub zu.

 

Ich habe ewig keinen Baum gefällt, aber bis vor kurzem glaubte ich zu wissen wie Baumwunden versorgt werden.

 

Das wir in offensichtlich schlechten Zeiten, heimlich Feuerholz geschlagen haben und meine „Pflaster“ wahrscheinlich eine Straftat verdeckten, ist mir erst heute richtig klar geworden.

 

Im Lexikon steht, ein Lebensbaum sei eine „Scheinzypresse“.

 

 

 

 

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