Versackt

Dreiundzwanzig Jahre später sah ich ihn unvermutet wieder. Im südlichen Mittelmeer. Auf der Insel Kreta. Er hatte noch immer die gleiche Lackierung. Fahrer- und Beifahrertür waren blau-weiß gestreift und der darüber hinaus, um das gesamte Fahrzeug laufende blaue Streifen, machte ihn ziemlich unverwechselbar. Angerostete und mehrfach ausgebesserte Türholme. Der Batteriekasten hinten rechts eingebeult, die Löcher mit Glasfaser und Polyesterharz geflickt. Das alte Kennzeichen noch gut zu erkennen, jedoch völlig ohne Plaketten. Mein alter Bulli, ein immer noch überraschend original erhaltenes, ehemaliges Auslieferungsfahrzeug für Meeresfrüchte, stand hier auf Kreta völlig unvermittelt vor mir. Dabei wäre es schon damals beinahe in der kalten Keltischen See versunken.

 

Es war zu jener Zeit Ende April und die Nachtfröste ließen das Teewasser gefrieren. Irgendwer hatte uns erzählt, der Golfstrom würde den Süden Englands erwärmen und es gäbe sogar Palmen an der Südküste. Naja.

 Nach dem ich im arschkalten London unsanft umgeworfen, festgenommen und mit der grünen Minna durch die halbe Stadt gekarrt worden war und sodann in Stonehenge noch der gerade belichtete Film von einem Uniformierten aus der Kamera gerissen wurde, setzten wir unsere Reise gen Westen beschleunigt fort. Nichts wie weg hier.

 

Nach einem ausgiebigen Bad in einer Stadt namens Bath, erreichten wir etwas westlich von Bristol die Felsenküste und irgendwann führte uns eine Straße zum vorgelagerten Strand hinunter. Wir waren begeistert. Auf der einen Seite das ruhige Meer, vor uns fast menschenleerer Strand und auf der anderen Seite, im roten Licht der langsam untergehenden Sonne, die mächtig hohen, steilen Felswände. Dazu englische Schnulzen aus dem scheppernden Autoradio. Der Gedanke, wenn wir noch etwas schneller über den Sand brausen würden, könnten wir vielleicht die Sonne einholen, tauchte auf. Heinz versuchte im leicht schaukelnden VW – Bus einen Tee zu kochen. Wir waren richtig gut gelaunt und als der vor uns fahrende Fahrschulwagen nach rechts zu den Hügeln abbog, welche die ansonsten steile Felsformation zwischenzeitig unterbrachen, hatten wir den ganzen Strand für uns. Etwas merkwürdig fanden wir allerdings, daß die Engländer so ein schönes Fleckchen Erde als Schrottplatz mißbrauchten. An einigen Stellen ragten rostige Autodächer aus dem Sand. Zum Teil soweit, daß man das Modell noch hätte bestimmen können. Aber wir rauschten dran vorbei. „Die spinnen, die Briten!“, war alles, was uns dazu einfiel.

 

Plötzlich war Schluß. Der Teekessel flog durch den Wagen. Lothar auch. Ich konnte mich hinter dem Lenkrad halten. Der Wagen stand. Eine unsichtbare Kraft hielt uns fest. Es war, als wären wir gegen einen riesigen, glasklaren Gummibären gefahren. Überrascht und wild entschlossen öffnete ich die Fahrertür und sprang mit einem Satz aus dem Wagen. Patsch, das Kraftfeld hatte wieder zugeschlagen. Ich konnte keinen Schritt mehr machen. Meine Füße waren bis zu den Knöcheln im Strand versunken. Die vier Räder auch. Unter dem Pflaster liegt der Strand und unterm Strand ... Watt. Eine etwa zwei Zentimeter dünne Sandschicht hatte uns glauben lassen, wir wären noch am Sandstrand. Ganz langsam, aber unaufhaltsam wurde mir die Bedeutung klar: Es war Ebbe und wir waren mächtig tief im Schlick versackt. Und weit und breit kein Mensch in Sicht. Unfaßbar. Wir waren in dieser herrlichen Landschaft, in dieser wunderschönen, romantischen Abendstimmung, im wahrsten Sinne des Wortes festgefahren. In der Ferne leuchtete zwischen den Felswänden ein strahlend weißer Kirchturm hinter welligen Hügeln. Einfach schön. Und vielleicht eine Chance.

Also, die Hosenbeine hochgekrempelt und los. Unsere gesamte Habe zurücklassend, patschten wir mit schlammigen Turnschuhen zum festen, nun viel zu weiten Strand. Die entfernten Hügel zwischen den Felswänden entpuppten sich als Sanddünen. Schlick und feiner Sand ließen unsere Füße innerhalb weniger Schritte zu bleischweren Klumpen anwachsen. Wie noch vorhin die Sonne, so schien jetzt der Kirchturm vor uns zu fliehen. Schweißdurchweicht, mit roterhitztem Gesicht und völlig außer Atem entdeckten wir die erste Scheune, dann das dazugehörige Farmhaus. Keine Zeit zum Verschnaufen, ein kurzes, fast gleichzeitiges Kopfnicken in die neue Richtung und wir stapften und schlingerten weiter durch den feinen nachgiebigen Sand.

Es war noch hell, als wir die Farm erreichten. Eine freundlich lächelnde, rundliche Frau in rot–grüner Strickjacke bot uns einen Tee an. Ihr Mann sei mit dem großen Trecker auf dem Feld und würde in etwa einer Stunde von ihr zum Abendessen erwartet. Aber Ihr Sohn wäre da. Wir könnten mit ihm und dem alten, kleineren Trecker versuchen den Wagen zu befreien. In anderthalb bis zwei Stunden käme das Wasser.

Trotz der Angst im Nacken war der Rückweg wesentlich angenehmer. Wir mußten uns zwar ordentlich festhalten, konnten aber auf den Kotflügeln sitzend mitfahren. Der junge Mann heizte den alten Mc Cormick mit Vollgas über die holperigen Feldwege. Keine halbe Stunde dauerte es und wir konnten das etwa fünfzig Meter lange Seil an der Abschleppschlaufe befestigen. Voller Zuversicht sahen wir zum Treckerfahrer hinüber und gaben das verabredete Zeichen. Dicke schwarze Wolken knatterten aus dem Auspuffrohr. Das Seil straffte sich, während wir mit aller Kraft versuchten den Wagen zu schieben. Der Motor wurde lauter, die Großen Hinterräder drehten durch und der Trecker schien zu schrumpfen. Er wurde tatsächlich kleiner. Auch er versackte innerhalb weniger Sekunden bis an die Achsen.

Der Wagen hatte sich nicht bewegt und das auflaufende Wasser war, trotz der fortgeschrittenen Dämmerung, schon zu sehen und suchte sich leise plätschernd seinen Weg durch die Vertiefungen im Watt. Wir lösten das Seil, um zumindest den Trecker wieder frei zu bekommen. Fehlanzeige. Mit jeder Radumdrehung wühlte er sich tiefer in den Schlamm. Es war zum heulen.

Wir gaben auf. Zumindest den Bus. Wütend und enttäuscht, mit tränenverschleierten Augen versuchte jeder für sich zu entscheiden, welche Dinge er retten und über den Strand schleppen und welche er dem Wasser überlassen wollte. Der Junge Mann hatte den Motor abgestellt und wickelte das Seil auf. In der entstandenen Stille hörte sich das gleichmäßig gluckernde Wasser noch bedrohlicher an. Fluchend luden wir die Luftmatratze aus und legten die großen Teile darauf, um alles zusammen in Sicherheit zu ziehen. Kamera, Ausweispapiere, Brillen und andere wichtige Kleinigkeiten hatten wir uns umgehängt oder in die Taschen gestopft. Alles an uns war mehr oder weniger nass und verdreckt.

Als ich zwischendrin kurz aufsah dachte ich, jetzt hat`s ihn erwischt. Strahlend, beinah verzückt sah der junge Mann uns an. Und erntete wohlwollendes Unverständnis von unserer Seite. Er forderte uns auf zu lauschen. Dieses verdammte Wassergeplätscher näherte sich unaufhaltsam. Aber er mußte noch etwas anderes hören. Und dann hörte ich es auch. Ein Kutter, mit blubberndem Dieselmotor. Na, soweit war es Gott sei Dank noch nicht, daß uns ein Schiff retten müßte. Aber er deutete in die entgegengesetzte Richtung.

Zwei Lichter, die zwischen den Hügeln auftauchten und wieder verschwanden kündigten seinen Vater an. Die Umrisse einer großen Maschine wurden sichtbar und als hätte er uns erst jetzt gesehen, gab er richtig Gas, um dann, in fast hundert Metern Distanz, unvermittelt stehen zu bleiben. Zu Fuß ging er zum festsitzenden Traktor, kam weiter zu uns, um sich den Schlammassel anzusehen. Erst dann grüßte er kurz und grinste dabei freundlich und aufmunternd. Die beiden Trecker wurden routiniert und wortlos mit langen Seilen verbunden, der Bus wieder angehängt. In der mittlerweile eingetretenen Dunkelheit wurden wie selbstverständlich die drei Fahrersitze eingenommen und die Karawane bewegte sich unter mächtigem Geknatter, erst etwas ruckelig, bald aber langsam und stetig in Richtung Sandstrand. Ich schob beidhändig, mit gesenktem Kopf den Bulli und sah wie die steigende Flut, besonders an den etwas tiefer gelegenen Stellen, meine Füße bis an die Knöchel umspülte. Angenehm frisch. Alles war plötzlich so leicht.

 

Die aus dem Sand ragenden Autodächer bekamen für mich nun eine ganz andere Bedeutung. Später erfuhren wir von den Beiden, daß ein Fahrzeug, einmal vom Wasser umspült, nicht mehr zu retten wäre. Es würde hoffnungslos in der kalten Keltischen See versacken. Manchmal würden auch sie zu spät kommen.

 

 Und nun war der weiß-blaue Bulli, der mich schon einige Jahre durch Europa transportiert hatte, mitsamt dem alten Kennzeichen irgendwie nach Kreta geschwommen. Er stand hier im gleißenden Sonnenschein der Mittagshitze, vor mir auf dem Schotterstreifen einer Einfahrt und ich war in Versuchung ihn zu berühren wie einen alten Freund. Ich traute mich allerdings nicht, das fremde Grundstück zu betreten.

 

 An jedem der folgenden Urlaubstage machte ich jedoch einen kleinen Umweg auf dem Gang durchs Dorf hinunter zum Meer, um nach ihm zu sehen. Irgendwann überlegte ich dabei, dass dieses Auto, bei seiner so ausgeprägten Meeresverbundenheit, möglicherweise aus einem Blech hergestellt wurde, das ursprünglich für eine Schiffswerft vorgesehen war. Irrtümlich wurde es nach Hannover geliefert und dort zu einem VW-Bulli zusammengeschweisst…

 

Zwischenstation in Südfrankreich
Zwischenstation in Südfrankreich