Unterschüpf

Das Motorengeräusch nervte dann doch irgendwann. Wir saßen schon einige Stunden in der Maschine und wollten endlich runter. Unser Mann am Steuerknüppel sprach in diesem Zusammenhang gern schelmisch grinsend von einem „kontrollierten Absturz”.

 

Es wurde jedenfalls Zeit, denn die Dämmerung nahte und die Tankanzeige der Cessna neigte sich gegen Null. Wir dachten daran in Würzburg zu landen, aber leider gab es keine Möglichkeit, weil es in der Flugkarte als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen war. Dann flogen wir weiter in Richtung Tauberbischofsheim, auch hier leider keine Landemöglichkeit. Der Tower dort war unbesetzt und es fehlte laut Karte eine Zapfsäule zum tanken. Nicht das wir nervös wurden, nein, nicht wirklich. Aber spannend war`s schon. Dann kamen wir in die Nähe von Unterschüpf. Nie zuvor gehört, von so einem Ort. Unterschüpf. Uns Norddeutschen fiel dazu erstmal Unterwäsche oder Schlüpfer ein. Aber von dort kam dann endlich eine Antwort auf unseren, vor jedem Landeversuch aufgesagten Funkspruch: ”Hier Delta - Echo November….”

 

Wie sich herausstellte war rein zufällig jemand mit dem eingeschalteten Sprechfunkgerät auf dem Landeplatz und der antwortete auch ausführlich: ”Ja, ich wasch hier grad mal meinen Wagen. - Normalerweise ist um diese Zeit niemand da. - Ja, ihr könnt runterkommen. - Nein, ich habe keinen Sichtkontakt zu euch. - Die Landepiste ist frei. - Ich bin gleich weg. - Ja, zelten und tanken könnt ihr hier auch. Over.” - ”Wir kommen runter. Danke. Over.”

 

Nachdem wir die übliche Runde über dem Platz gedreht hatten, landeten wir bilderbuchmäßig auf der Anhöhe und schoben die Maschine gleich an die Tanksäule. Erstmal was Flüssiges für den Flieger. Tränken, entpacken und ganz in unserer Nähe für die Nacht sichern. Fast als hätten wir ein Ross und kein Vehikel der Lüfte dabei. Dann wurden routiniert die zwei Zelte aufgebaut und unverzüglich machten wir uns auf den Weg hinunter ins Tal, denn auch wir waren mächtig durstig und hungrig. Die Route ins Dorf war länger als von oben angenommen und führte über Feldwege, an Obstwiesen und Einzelgehöften vorbei, bis zum Ortsschild mit der Aufschrift: ”Unter-schüpf” und darunter stand: ”am Boxberg”. Hörte sich aus der Nähe und in der Kombination irgendwie auch nach unterschlüpfen an. Vielleicht ein bisschen nach rustikaler Geborgenheit und kerniger Gastfreundschaft.

 

Als wir im Zentrum angekommen waren, gab es dort tatsächlich eine einladende, hell erleuchtete Dorfgaststätte. Das etwas urtümlich und ehrwürdig wirkende ”Gasthaus zum Ochsen”. Wir sahen uns die in einem Glaskasten aushängende Speisekarte an. Es gab leckere Landgaststättengerichte. Fast waren wir schon die Treppen rauf und im Gebäude, da wurden wir auf eine Alternative aufmerksam.

 

Eine Metzgerei mit angebautem Gasthof, etwa hundert Meter weiter an der Querstraße, sah auch sehr viel versprechend aus. Also spurteten wir noch mal kurz zum Lesen der Speisekarte dort hin. Was darauf stand hörte sich noch besser an. Viele deftige Sachen gab es dort laut Karte. Wir also erwartungsvoll rein in die Kneipe. Drei hungrige Kerle mit mächtigem Appetit auf eine üppige warme Mahlzeit. Der Wirt des Gasthauses, sowie noch zwei oder drei weitere Gäste, saßen dort und als wir unser Essen bestellen wollten, hörten auch sie aufmerksam zu. Der überaus freundliche Wirt war sehr schwer zu verstehen. Er hatte einen künstlichen Kehlkopf. Diese Mischung aus Dialekt und Elektrotechnik war erstmal gewöhnungsbedürftig. Sinngemäß sagte er aber, dass er uns leider enttäuschen müsse. Es gäbe nur warmes Mittagessen bei ihm. Abends sei die Küche geschlossen und es seien um diese Zeit nur kalte Speisen im Angebot.

 

Wir verabschiedeten uns also freundlich, um wieder zurück zum goldenen Ochsen zu wechseln. Der war nun überraschender Weise nicht mehr hell erleuchtet, sondern es brannte nur noch eine schwache Thekenbeleuchtung und etwas Licht in der Küche. Die Eingangstür war verriegelt. Wir konnten es nicht glauben und gingen noch mal über den Gaststättenparkplatz zum Hinterhof. Überall Sparbeleuchtung und keine Menschenseele zu sehen. Auch auf unser Klopfen reagierte niemand. Die Mägen knurrten. Geschlossen. Einfach zu. Vor einer Viertelstunde noch hätten wir einfach so eintreten können und nun war das ganze Haus verschlossen. Wir verstanden das wirklich nicht. Wenn wir nicht hungrig in den Schlafsack kriechen wollten, mussten wir wohl oder übel zurück zum Metzgermeister.

 

Wir wurden freundlich grinsend empfangen. Wahrscheinlich hatten sie uns beobachtet. Der Meister schnarrte im Dialekt und mit seiner metallisch vibrierenden Stimme: ”Die sperret die Türe zu, wenn fremde Leut kommet”.

 

So gab’s für uns drei nun kalte Fleischplatte mit Brot. Üppig und reichlich und auch gehörig Gerstensaft dazu. Wir unterhielten uns hervorragend mit den Gästen am Nachbartisch und dem Wirt und hörten einiges über Land und Leute. Immer mit viel Humor und Späßchen gewürzt. Wahrhaft ein gelungener Abend. Wir waren satt und zufrieden. Aber der Rückweg stand uns bevor. Angetrunken wie wir waren, ohne genaue Ortskenntnis und so im Dunkel der Nacht den Berg hinauf. Da tranken wir lieber noch ein Bier. Zwischendrin tauchte die Frage nach einer Frühstücksmöglichkeit auf. Der Wirt bot an, eines für uns vorzubereiten. Wir sagten zu. Jemand sagte: ”So, jetzt wollen wir aber los”. Na ja, vielleicht noch eins für den Weg. Und noch eins. So ging es noch einige Male.

 

Der alte Dorfschullehrer war mittlerweile sicherlich noch ein bisschen alkoholhaltiger als wir drei zusammen, aber er bot uns freundlich an, seinen Mercedes anzuwerfen um uns hinauf zu unseren Zelten zu kutschieren. Wir sahen uns an und dachten wohl alle drei das gleiche: Super, klasse Idee - aber der ist seinen Lappen mit Sicherheit los, wenn er erwischt wird. Der Bürgermeister vom Nachbartisch nickte uns jedoch aufmunternd zu und der Küster strahlte uns an. Als der Wirt auch noch grinsend seine Zustimmung signalisierte, wurde die Entscheidung des Lehrers offensichtlich von Vertretern der Politik, der Kirche und auch der Wirtschaft mitgetragen und so konnten wir das freundliche Angebot zum Schluss fast nicht mehr ablehnen. Die Bildung wurde auch hier mal wieder von allen gemeinsam unterstützt. Und dass, obwohl sie derzeit wahrlich etwas unzulänglich unterwegs war und uns die Serpentinen im schlingernden Daimler bergauf wesentlich kurviger und enger erschienen, als zu Fuß beim Abstieg.

 

Wie sich während der gemeinsamen Frischluftrasur am nächsten Tag herausstellte, war unsere Zuversicht, dass es tatsächlich ein Frühstück geben würde, nicht mehr besonders groß. Und der Weg zum Metzgerrestaurant ins Tal schien uns, in der ziemlich verkaterten Morgenstimmung betrachtet, auch besonders weit. Zumal wir ihn, egal ob Frühstück oder nicht, auch wieder bergauf zu machen hätten. Die Entscheidung war nicht leicht, doch irgendwann überwogen dann der Hunger sowie das positive Bild, dass der Wirt bei uns hinterlassen hatte und wir machten uns auf den Weg ins Tal.

 

Immerhin, obwohl es noch recht früh am Morgen war, hatte das Gasthaus tatsächlich schon geöffnet. Halbherzig traten wir ein. Wie wir fast befürchtet hatten, war der nette Wirt erstmal nicht da. Endtäuschung machte sich auf unseren Gesichtern breit. Aber dann wurden wir freundlich in einen Nebenraum gebeten. Etwas unentschlossen folgten wir. Hier war der Frühstückstisch, fast möchte ich sagen eine Frühstückstafel, sehr üppig gedeckt und wir trauten fast unseren Augen nicht. Eine wirklich angenehme Überraschung und wir waren richtig froh, den Weg hinunter gemacht zu haben. Wir machten uns über das opulente Essen her und der freundliche Wirt mit der besonderen Stimme kam dann doch dazu und sein jüngster Sohn fuhr uns nach der herzlichen Verabschiedung wie selbstverständlich wieder den Berg hinauf, zu unserer Maschine.

 

Wenn sie einen denn erst einmal rein gelassen haben, dann sind sie wahrhaftig sehr gastfreundlich, diese Unterschüpfer…