Das Ticket

Glück gehabt. Hinter dem noblen, altehrwürdigen Savoy-Hotel, direkt im historischen Zentrum Londons, gab es eine abgeknickte Parkuhr. Wir stellten den blauweißen VW-Bus genau dort auf dem freien Stellplatz ab. Hier, zwischen den Bentleys und Rolls Royce Limousinen konnten wir stehen bleiben, ohne einen Strafzettel zu bekommen. Und wie sich herausstellte, hatten die Chauffeure der noblen Edelkarossen, die vor und hinter uns parkten, auch immer einen freundlichen Rat für unsere tägliche Tourenplanung oder einen Restauranttip auf Lager.

Lothar und ich kauften uns ein Drei-Tage-Ticket für die in der Nähe gelegene U-Bahn. So mußten wir nach dem Aufstehen nur einige hundert Meter durch eine kleine Gartenanlage zur Station gehen und konnten von dort in fast jeden beliebigen Ortsteil der Stadt gelangen, ohne jedesmal mit dem VW-Bully durch den dichten Straßenverkehr zu fahren, um dann anschließend eventuell auch noch um einen, der im Allgemeinen sehr begehrten Parkplätze, kämpfen zu müssen.

 

Es war Ende April und in der Nacht erreichte das Thermometer ungefähr drei Grad minus. Als wir am dritten Tag, nach einem eiskalten Auto-Frühstück, an der U-Bahn ankamen, bemerkte ich das Fehlen meines Tickets. Im Anschluß an den ersten Schrecken, fiel mir allerdinds sofort ein, wo es war. Ich hatte es beim abendlichen Umziehen an die Kopfstütze geklemmt, um es am Morgen nicht zu vergessen.

Lothar wollte lieber in der warmen U-Bahnhalle warten, während ich zum Wohnmobil zurücklief um das Ticket zu holen.

 

Meine Erinnerung war richtig und ich entdeckte das Ticket sofort und steckte es in die Tasche. Dann schloß ich die Seitenschiebetür ab und machte mich abermals auf den Weg zurück durch den Park.

 

Raureif lag auf den blühenden Tulpen hinter dem Savoy Hotel. Es war ruhig und friedlich. Nur wenige Menschen waren um die Zeit unterwegs. Rechts vor mir sah ich einen etwas unscheinbaren jungen Mann mit gesenktem Kopf und wehenden Haaren über den gepflegten Rasen gehen. Die Morgenkühle machte den Atem des Blondgelockten sichtbar.

 

Völlig unvermittelt sprang ein großer Kerl hinter ihm durch ein Tulpenbeet in seinen Rücken, wobei der rechte Arm des jungen Mannes ungestüm nach hinten gerissen wurde und der, bevor er sich recht versah, mit dem Gesicht im glitzernden Raureif auf dem Rasen lag. Ich stand einen kuzen Moment wie versteinert, doch noch ehe die abgefetzten Tulpenblütenblätter sich auf dem Grünstreifen verteilt hatten, spürte ich ebenfalls eine Hand die mich energisch packte und meinen Arm brutal nach hinten riss und eine zweite im Genick, die mich rücksichtslos zu Boden drückte. Mein Gesicht landete zur Seite gedreht auf dem englischen Schotterweg, wobei auf meinem Rücken gleichzeitig jemand mit seinem vollen Körpergewicht kniete. Ich stöhnte auf. Mein „What...ahh..“ wurde durch erhöhten Kniedruck auf die Wirbelsäule und durch ein gebelltes: „Shut up!“ abgewürgt. Es kam von einer kraftvollen männlichen Stimme über mir. Unsanft wurden mir Handschellen verpasst und völlig wehrlos wurde ich rücksichtslos hoch gerissen. Die Schultergelenke schmerzten. Danach ging es an die nahe, bemooste Einfriedungsmauer, um dort mit gespreizten Beinen gründlich von einer harten Hand am ganzen Körper durchsucht zu werden. Jeder Ansatz einer fragenden Äußerung von mir wurde ungehalten niedergebrüllt. So wußte ich auch als ich zusammen mit dem Blonden in Richtung U-Bahn abgeführt wurde, noch immer nicht, was eigentlich vorging. Der junge Mann hatte feuchten Dreck im Gesicht und Tränen hilfloser Wut in den Augen, als er mit leicht skandinavischem Akzent wissen wollte, worum es denn eigentlich gehe. Ein kräftiger, wortloser Schubs in Richtung Untergrundbahnhof war die Folge. Vor dem Eingang stand ein Gefangenentransporter. Wir wurden gewaltsam hinein geschoben. Einige Uniformierte drängten uns zu zwei gegenüberliegenden Plätzen am Fenster. Wir wurden auf harte, abgenutzte Holzbänke niedergedrückt. In der reflektierenden Scheibe sah ich mein Gesicht bluten. Mit je einem starr blickenden Aufpasser neben uns fuhr der Wagen an und mir gingen Geschichten von den vorgeblich so freundlichen „Bobbys“ durch den Kopf, „gentlemans like“ fiel mir ein und die so gepriesene britische Höflichkeit, stellte ich gedanklich auch auf das intensivste in Frage.

 

Der Fahrer hatte den scheppernden und krachenden Sprechfunk laut gestellt und so konnte man auch im hinteren Fahrzeugteil mitbekommen, dass ein Blonder mit grüner Regenjacke und Jeans, sowie ein Dunkelhaariger, der ebenfalls eine grüne Jacke und eine Jeanshose trug, vor einer halben Stunde mit Waffengewalt eine Supermarktkasse überfallen hatten. Diese vage Personenbeschreibung traf seinerzeit auf uns beide zu. Wie wohl allgemein ein Großteil der Jugendlichen entweder blond oder dunkelhaarig sein dürfte und Jeanshosen nach wie vor zum Lieblingsoutfit vieler junger Leute gehören.

 

Als nach über einer halben Stunde Fahrt durch die Londoner City der Tatort noch immer nicht erreicht war, wurde dann endlich über den plärrenden Funk die erfolgreiche Gegenüberstellung von Supermarktangestellten und Kassenräubern verkündet. Die echten Täter waren also erwischt worden und jetzt wurden auch wir ziemlich ruppig von den Handfesseln befreit und wortlos an der nächsten Bushaltestelle ausgesetzt.

 

Glücklicherweise hatte ich nunmehr mein Ticket mit dabei.