Die Maisbremse

Morgens um fünf Uhr aufstehen und um sechs Uhr ziemlich verschlafen auf einen Abflug warten, dass kennt wohl jeder Fernurlauber.

 

Dass ich jedoch bei einer Landung einmal in einem Dorf wie Kleefeld aussteigen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen.

 

Wir standen jedenfalls an jenem Morgen mit nassen Schuhen im taufeuchten Gras und wurden namentlich aufgerufen: „Britta Kleinschmidt?“ – Ein junger Mann mit tiefer Stimme meldete sich mit: „Hier!“ Der nächste Aufruf lautet: „Bärbel Müller?“ – Diesmal hebt ein kräftiger Mitfünfziger den Arm: „Auch hier.“

Na ja, denk` ich, in dieser schummerigen Morgendämmerung – wer weiß da schon so genau, ob er Mann ist oder Frau.

 

Es folgen noch drei weitere Herren mit Frauennamen: Silke, Heide und Renate. Immer antwortet irgendeine Männerstimme, zum Teil gefolgt von verhaltenem Gelächter und Getuschel.

 

Der Pilot klärt uns auf: „Diese Ballonflüge werden sehr häufig verschenkt, und ich kenne nur die Namen der Buchenden bzw. der für uns wichtigen Zahler, die richtige Zuordnung überlasse ich euch dann. Wahrscheinlich waren das gerade die Namen der Ehefrauen, die ihren Männern mit dieser Tour ein außergewöhnliches Geschenk gemacht haben.“

 

Jemand meinte gerade laut genug: „Die wollten euch wohl loswerden.“ Versteckt prustendes Gelächter ist zu hören.

 

Der Pilot steht etwas erhöht auf dem Korbrand. Er hebt die Hand als wolle er etwas sagen, stattdessen zieht er an einem Seil und lässt damit einmal kurz und unvermittelt den Brenner losfauchen.

 

Beeindruckt springen die Passagiere ein Stück zurück. Mit solch einer brüllenden, fast drei Meter hohen Feuersäule hat anscheinend keiner gerechnet. Nach Sekundenbruchteilen ist der Spuk vorbei und wir werden wieder in die Nähe des Korbes gelockt.

 

Die Bordscheinformulare zum selber ausfüllen werden ausgegeben. Hier ist jetzt der wirkliche Name, die Adresse und das Körpergewicht anzugeben.

 

Der Ballonkorb ist in fünf Fächer aufgeteilt, die Aufteilung erinnert etwas an die besonderen Kartons, in denen man das ganze Jahr über die gläsernen Christbaumkugeln geschützt für das nächste Fest aufbewahrt. In der Mitte gibt es ein großes Fach für den Piloten und seine Brennergasflaschen, rechts und links je zwei für die Passagiere.

 

Jeder bekommt einen Platz zugewiesen. Immer vier Leute sollen in ein Fach klettern. Es gibt auch gleich, noch bevor wir überhaupt den Ballon gesehen haben, zwei Verhaltensregeln für die Landung. Die lauten: Unbedingt mit dem Rücken in Fahrtrichtung in die Hocke gehen und sich ordentlich festhalten.

 

Mittlerweile hat die verdeckt aufgehende Sonne den Himmel mit leuchtend rot angestrahlter Orangenhaut bezogen. Wir wuchten den Sack mit der Ballonhülle vom Anhänger.

 

Alle fassen so gut es geht mit an, um den gewichtigen Ballon der Länge nach auszulegen um ihn anschließend auszubreiten. Er wird an dem nun umgekippten Korb befestigt.

 

Zwei kräftige Ventilatoren drücken die kühle und frische Morgenluft in die untere Öffnung, bis die große, bunte Hülle wie eine dicke Blase über der Wiese wabert.

 

Dann erstirbt das gleichmäßige Ventilatorengeknatter und sofort fauchen die ersten zwei Brenner los. Jetzt geht alles ziemlich zügig. Die gefangene Luft wird warm und der Ballon hebt sich, bis er die Gondel in die Senkrechte gezogen und aufgestellt hat.

 

Die Passagiere und zum Schluß auch die Sicherungsseilhalter klettern zügig in ihr Körbchen. Die vier Feuersäulen des Brenners heizen zunehmend lauter tosend, die im Ballon festgehaltene Luft auf. Hitze und Lärm lassen uns die Köpfe einziehen. Sehr gleichmäßig und sanft heben wir ab.

 

Eine Ballonfahrt ist eigentlich unbeschreiblich, deshalb werde ich auch keinen literarischen Ausflug in poetisch – romantische Gefilde unternehmen. Was mich nachhaltig beeindruckt hat ist, wie ordentlich und sauber und wie aufgeräumt alles von oben aussieht, wenn man so langsam darüber hinwegschwebt. Und dass selbst Rinder immer die gleichen ausgetretenen schwarzen Pfade benutzen, ist von hoch oben betrachtet besonders auffällig.

 

In den länger werdenden Brennerpausen wird die Stille nur vom Krähen der Hähne und seltenem Hundegebell unterbrochen. Ab und zu gibt es eine Frage oder eine Erklärung und auch mal eine Ortsabstimmung über den krächzenden Sprechfunk mit der Bodencrew.

 

Über eine Stunde schweben wir so dahin. Unter uns die Autobahn A29, die Hunte, der Tillysee, der Ortsteil Krusenbusch, dann schon etwas niedriger über den Küstenkanal, über den Wildenloh und das Haus meiner Schwester.

 

Wir sind mittlerweile ganz schön tief und werden scheinbar immer schneller. Eine Landewiese ist anvisiert.

 

Schade, aber nun gehen wir wie gefordert in die Hocke und halten uns ordentlich fest. Den Kopf in den Nacken gelegt, sehen wir nach oben auf die mächtige Ballonhülle und warten gespannt auf den ersten Bodenkontakt. Ab sofort müssen wir ausschließlich unseren Ohren vertrauen.

 

Und da ist auch schon das erste Rascheln zu hören – wir berühren die Spitzen des Weidegrases. Das Rascheln wird allerdings zunehmend zum Prasseln, immer lauter, und wir sinken merkwürdigerweise immer noch. Wir brettern jetzt mit einem ohrenbetäubenden Prasseln ca. einen Meter unter der Grasnarbe dahin und plötzlich schauert ein Regen aus kühlen Wassertropfen, Pflanzenteilen und kleinen Tierchen in die Gondel. Die Köpfe werden noch mehr eingezogen, es folgen einzelne Schreie und Gejohle.

 

Weiter geht die ohrenbetäubend rauschende Fahrt, bis die Schauer und das Prasseln abrupt abreißen und die Gondel ächzend und hüpfend über den Boden schabt. Sie scheint zu kippen, wird aber von dem ruhig wirkenden Piloten abgefangen und bleibt endlich in leichter Schräglage stehen.

 

Die ersten Hälse werden gereckt. Dann gibt’s noch ein paar kleine Hüpfer und der Korb legt sich behutsam auf die Seite.

 

Wir liegen etwas unbequem, fast wie im Flaschenregal, bevor die ersten aussteigen dürfen.Langsam und der Reihe nach und nur auf Kommando, damit der Korb nicht plötzlich zu leicht wird und dadurch das gesamte Luftgefährt erneut abhebt.

 

Wieder aufrecht stehend und mit festem Boden unter den Füßen, wird durch einen Blick zurück nun ziemlich schnell klar: Der Pilot hat, dem Anschein nach wohl unbeabsichtigt, die „Maisbremse“ gewählt. Wir sind ungefähr zwanzig oder dreißig Meter knatternd durchs Maisfeld gerauscht und haben dabei eine gondelbreite Schneise hinterlassen.

 

Wesentlich kürzer war dann der ausgerollte Teppich auf den wir uns anschließend knieten, um unsere Taufe „nach Zunft und Ordnung, mit Feuer und Champagner“ entgegen zu nehmen, um damit ohne weiteres in den Adelsstand der Aeronauten erhoben zu werden.