Knochen

Sie hatte die ausgebeulte, abgeschabte Einkaufstasche mit den ausgeblichenen Knochen nicht ein einziges Mal losgelassen, während sie ihn beobachtete. Sie saß einfach da, ganz in schwarzes Tuch gehüllt. Unter dem überstehenden Kopftuch schien sie sicher zu sein, daß er ihre Blicke nicht bemerken würde.

 

Nach der Nachtwanderung über die Insel Samos hatte ich mich in der frühen Morgendämmerung an Deck der "Melína Merkoúri" schlafen gelegt.

Ich war die ganze Nacht unterwegs gewesen, vollbepackt mit Rucksack, Schlafsack, Zelt und allem was man so braucht, wenn man einige Wochen zu Fuß unterwegs ist. Dementsprechend fertig und zerknittert fühlte ich mich auch, als ich um sieben Uhr, von einer winkenden Menschenmasse umringt, zögernd ein Auge öffnete. Der weiße Kahn hatte abgelegt und die Passagiere winkten den Zurückbleibenden an Land zu.

Leider hatte ich mich im Dämmerlicht auf der windgeschützten, dem Kai zugewandten Seite, niedergelassen und nun trampelten sie auf meinem Schlafsack herum. Ich verhielt mich ruhig, stellte mich schlafend, bis sich die Passagiere wieder einigermaßen gleichmäßig an Bord verteilten.

 

Ein kräftiger, blonder Grieche hatte sich auf seine Decke neben mich gesetzt. Mittlerweile war es kurz vor neun und das einstündige Frühstück bestand bis dahin aus etwa einem halben Liter Wein und drei oder vier selbst gedrehten Zigaretten. Halb auf dem Boden liegend, mit dem Rücken an die kühle, harte Bordwand gelehnt, gluckerte der süße, schwere Samoswein angenehm die Kehle hinunter.

Mein griechischer Saufkumpan hatte mich mit einer Bewegung seiner Augen und einem freundlichen Grinsen auf die heimliche Beobachterin aufmerksam gemacht, bevor er die grüne Zweiliter - Flasche erneut ansetzte. Ich wurde langsam seelig müde und entspannt. Unter den aufmerksamen Augen aus den schwarzen Tüchern schlummerte ich kurz oder lang und wurde nur ab und an geweckt, wenn die grüne Flasche mich anstupste.

 

„Buon giorno Signore! Ha dormito bene ?“

 

„Grazie, molto bene.“

 

Sie erkundigte sich auf Italienisch, ob ich gut geschlafen hätte. Bemerkte aber ihren Irrtum ziemlich schnell an meiner überrascht - zögerlichen Antwort und versuchte es auf französisch. Wieder zögerte ich. Sie liess sich anscheinend von meinem Äusseren täuschen und hielt mich für einen Südeuropäer.

 

„Oh, du bist alman, wie sag: alman?“

 

„Deutscher“

 

„Ja Deutscher. Wo kommst du her von Deutschland?“

 

Sie hatte mich ausgeguckt. Sich unbemerkt auf die Bank in der Nähe meines Schlaflagers gesetzt und mich wahrscheinlich in aller Ruhe begutachtet. Die braune Tasche fest in beiden Händen. Mein griechischer Kumpan war nirgendwo zu sehen.

Ihre dunklen Augen waren jetzt, während sie sich weiter unaufdringlich nach meinen persönlichen Daten erkundigte, freundlich und abschätzend. Als sie auch nach mehrfacher Versicherung meinerseits, ich sei zehn Jahre älter als sie schätzte, ungläubig schaute, nahm ich meinen Reisepaß zur Hilfe, um sie von meinem Alter zu überzeugen. Bei der Gelegenheit überprüfte ich gleich meine Habe in der Seitentasche meines Rucksacks. Alles da, alles klar.

 

Es war Mittag geworden und ich hatte noch etwas Brot und Wasser. Meine neue Bekannte holte aus ihren Tüchern zwei gekochte Eier und ein Stück in Ölpapier eingeschlagenen Käse. Wir teilten. Der Mann mit der grünen Flasche war immer noch nicht wieder aufgetaucht. Schade eigentlich. Fast als hätte Elena ihn verscheucht.

 

Sie war, genau wie ich, auf dem Weg von Samos nach Athen. Mit dem feinen Unterschied, dass sie in der größten Stadt Griechenlands lebte und ich nur auf der Durchreise war. Genauer gesagt wohnte sie in Piräus, der acht Kilometer vorgelagerten Hafenregion. Außerdem besaß sie ein kleines Ferienhäuschen mit Garten in der Nähe des Dorfes Kyriaki auf der Insel Samos.

 

Beim Verlassen des Schiffes am späten Nachmittag, mussten wir zu meiner Überraschung einige, bis zu einem Meter breite und elendig tiefe Bodenspalten, in denen in der Tiefe schwarzes Wasser gluckste, überwinden. Sie waren in den vorangegangenen Stunden bei einem Erdbeben entstanden, von dem wir auf dem Meer überhaupt nichts mitbekommen hatten.

Ich half ihr dabei, über die schmalen, wackeligen Bretter zu balancieren. Nach flüchtigen Berührungen unserer Hände während des Essens, ergaben sich dabei erste Körperkontakte an den Armen und, ich weiß nicht wie, auch an den Oberschenkeln. Das kräftige Erdbeben vom Vortag hatte die Hauptstadt Athen und auch die Hafenstadt Piräus arg mitgenommen. Erstaunlicher Weise schien aber alles, wenn auch sehr behelfsmäßig, zu funktionieren.

 

Sie lud mich völlig selbstverständlich zum Abendessen ein. Ihre Wohnung war angenehm kühl und dämmerig. Ein altes, großes Haus in dem sie wie es aussah, nur das Erdgeschoß nutzte. Im großzügigen Hauptraum, von dem alle Zimmer abgingen, gab es einen wunderschönen alten, schwarzen Kamin aus Granitsteinen, neben dem so etwas wie ein Hausaltar aufgebaut war. Fotos von jungen Männern in Uniformen oder Matrosenanzügen standen in schweren silbernen Rahmen, zwischen Kerzen, Kreuzen und Ketten. Sie gab mir ein gelb-braunes, leicht bitteres Getränk und verschwand im Nebenraum. Irgendwie war die Situation ein ganz bißchen unheimlich.

Während ich sie hinter der angelehnten Tür hantieren hörte, sah ich mich weiter um. Der weite Raum war, bis auf eine kleine asiatisch anmutende und sehr niedrige Sitzecke, unmöbliert. Teppiche an den Wänden und auf dem unebenen Boden waren für die schummerige Atmosphäre verantwortlich. Alles alt, aber doch irgendwie Zeitlos. Wie meine Gastgeberin. Auch sie konnte ich sehr schwer einschätzen. Ihre überraschend jugendlichen frischen und frechen Augen, im Kontrast zu diesem vielfältigen Gesicht, das sicherlich doppelt so alt wie meines war. Ihre Bewegungen waren wiederum eher die einer jungen Frau. Es blieb lange still und ich begann gerade meine Müdigkeit zu spüren, da hörte ich sie wieder. Ich ging zur angelehnten Tür und sah durch den Spalt. Dampfumhüllt saß sie in einer große Zinkwanne. Sie war nackt. Den weiß leuchtenden Rücken mir zugewandt, planschte sie hörbar mit einem Schwamm im Wasser. Geschickt ungeschickt machte sie den Versuch sich den Rücken zu waschen. Mit Aufforderungscharakter.

Eine alte Diele knarrte, als ich einige Schritte zurück trat. Ich wandte mich ab und entdeckte in einer dunklen Ecke überraschend noch ein weiteres Möbelstück. Eine stumpfschwarze Truhe. Wuchtig und schwer, aber bei diesen Lichtverhältnissen kaum zu erahnen. Als ich die Kiste fast erreicht hatte, stieß ich mit dem Fuß gegen etwas nachgiebig klapperndes. Es fühlte sich in etwa so an wie das, zum Teil noch fellumhüllte aber gänzlich fleischlose Skelett eines Maulesels, auf das ich vor Jahren eines Nachts in der südlichen Sahara getreten war.

Ich bückte mich, um mir das genauer anzusehen. Es war ihre braune Ledertasche. Sie war unverschlossen und etwas Rundes schimmerte kaum wahrnehmbar aus der Öffnung. Neugierig tippte ich es mit dem Mittelfinger an. Es war hart, trocken und glatt. Etwas mutiger geworden, ertastete ich die Form einer mittleren Bowlingkugel. Tatsächlich - eine Bowlingkugel mit zu großen Löchern. Ich nahm sie heraus und hob sie hoch. Sie war leichter als vermutet.

 

Ein schwacher Lichtstrahl fiel auf meine Hand und liess mich erstarren - meine Finger steckten in den Augenhöhlen eines Totenschädels.

 

Vor Schreck ließ ich den Kopf nicht los, sondern wurde stocksteif. Ich mußte mich zwingen ihn wieder so geräuschlos wie möglich in die Tasche zurückzulegen. Der Lichtstreifen wurde breiter und plötzlich fühlte ich, dass sie hinter mir stand. Obwohl ich im ersten Moment weglaufen wollte, drehte ich mich nun, immer noch recht angespannt, zu ihr um. In ein Handtuch gehüllt und lässig an den Türpfosten gelehnt, lächelte sie mich an. “Das ist meine Mann. Ich mache uns gleich etwas essen und - Tee?“

 

Das Abendessen im Kerzenschein bestand aus leckerem kalten Reis in Weinblättern, Auberginen und aufgebackenem Fladenbrot. Dazu Salat mit schwarzen Oliven, und weißem Retsina. Zum Nachtisch gabs griechischen Kaffee. Keinen Tee.

 

Während des Essens beobachtete ich sie genauer und war mir sicher, daß sie ihr sechstes Lebensjahrzehnt schon überschritten hatte. Sie plauderte, erzählte von ihrem vierten Mann, dessen Überreste sie in der Tasche transportiert hatte. Er war über zwanzig Jahre jünger gewesen als sie und zur See gefahren. Sie wären sehr glücklich miteinander gewesen. Von ihren anderen drei Männern, deren Bilder auf dem Altar standen, erzählte sie das gleiche. Alle waren wesentlich jünger und zur See gefahren und recht jung gestorben. Sie lagen schon in der Truhe. Auf mein ungläubiges Gesicht hin erklärte sie mir, daß die Friedhöfe auf Samos überfüllt wären. Wegen des felsigen Untergrundes müßten die Angehörigen die Knochen ihrer toten Verwandten nach zwei bis drei Jahren einsammeln und sie anschließend in tönernen Urnen in einer Kapelle oder Kirche bestatten.

Sie hätte ihre Männer aber lieber bei sich zu Hause.

 

An jenem heißen Sommerabend in dem kühlen alten Haus, erzählte sie mir von ihren Beziehungen zu den Reedern und Kapitänen aus Piräus, die immer auf der Suche nach geschickten Matrosen wären. Es wäre für sie ein leichtes, mir einen Job zu vermitteln. Sie würde auch immer im Hafen stehen und winken, wenn mein Schiff auslaufen würde. Und bei meiner Ankunft im Hafen auf mich warten.

 

Am Ende dleses Abends bat sie mich, doch bei ihr zu bleiben ...