Maria de Brasil

Die Fähre in Richtung Bastia war schon mit reichlich Verspätung im italienischen Livorno abgefahren und so legten wir erst am späteren Nachmittag im Zielhafen auf der Insel Korsika an. Ich stand bereits vorzeitig mit geschultertem Rucksack und der Straßenkarte in der Nähe des Ausgangs, um mein anvisiertes Ziel auf der anderen Seite der Insel möglichst schleunig zu erwandern. Ich machte mir ein wenig Gedanken wegen der kurzen Dämmerungsphase und der dann meistens rasch hereinbrechenden Dunkelheit.

 

Sehr viel mehr Passagiere als ich vermutet hatte, drängelten sich jedoch über den Verbindungssteg zum Festland. Und zwar auf der gegenüberliegenden Schiffsseite. Ich hätte nach dem Ausstieg fragen oder zumindest das Anlegemanöver beobachten sollen. Weil sich sogleich ein Stau bildete und ich nun auf der falschen Seite stand, blieb ich erst einmal an Bord, legte meine Karte auf den nächsten Tisch und setzte den Rucksack wieder ab. Bei etwa fünfundzwanzig Kilometern zu Fuß durch die Berge, so lag jedenfalls meine vorsichtige Schätzung, würde ich ihn noch lange genug zu tragen haben. Wobei laut Karte keine Straße direkt durch die Landschaft nach Nonza führte und ich mich mal wieder auf die Himmelsrichtung und das vermutete Vorhandensein alter Pfade und Wege verließ.

 

Endlich kam Bewegung in die Menschenmenge, die aneinandergedrängt, aber bisher recht geduldig vor mir gestanden hatte. Die Vorstellung, den Sonnenuntergang auf der Westseite der Insel eventuell zu verpassen und notfalls in den Bergen übernachten zu müssen, trieb mich stärker als gewöhnlich voran. Zügig eilte ich aus dem Hafenbereich hinaus in Richtung Norden. Immer weiter ging es stadtauswärts, ein Stück am Meer entlang und dann wollte ich die nächste Möglichkeit links ab in die Berge benutzen.

 

Ich war noch nicht sehr weit gekommen, da sprach mich eine junge Frau an. Ihre Frage, ob ich wüsste wie man auf die andere Inselseite gelangen könnte, erschloss ich mir aus ihrem spanischen Italienisch und der ausgeprägten Körpersprache. Sie strahlte mich freundlich an und lächelte fragend. Ich holte meine Karte aus der Tasche und versuchte ihr den beschwerlichen Weg durch die Berge zu erklären und sie nickte überraschend schnell, wobei sie ihre unhandliche Tasche schnappte und sofort mit mir loslaufen wollte. Meine Sprachfähigkeiten genügten anscheinend nicht, sie davon abzuhalten. Na, dachte ich, sie sieht ja ganz sportlich aus. Nur diese schwere lederne Tasche würde ihr sicherlich Probleme bereiten überlegte ich, während sie schwungvoll und selbstbewusst neben mir herlief. Bald war der Abzweig in die Berge erreicht. Ein unbefestigter Weg nur, der nach circa zwei Kilometern endete, um dann zu einem immer steiler ansteigenden Trampelpfad zu werden. Sie hatte mir während des Nebeneinanderhergehens ihren Namen verraten. Sie hieß wie sie aussah: Maria. Und sie kam aus Brasilien. Ich ließ sie gerne vorangehen, damit sie das Tempo bestimmen konnte. Sie benutzte die beiden Taschenhenkel kurzerhand als Rucksackträger und legte los. Eine geringe Zeitspanne hatte ich noch ihre ausgeprägten Beinmuskeln, unterhalb der eigentlich etwas zu kurz abgeschnittenen Jeans aus nächster Nähe vor mir, aber dann achtete ich notgedrungen mehr auf den felsigen Weg und mühte mich, den Anschluss nicht zu verlieren.

Nach einigen Kilometern gewahrte ich eine kleine weiße Kapelle auf einem in Sichtweite gekommenen Bergrücken. Ich schnaufte mittlerweile schon ganz ordentlich und begann trotz der abendlichen, kühler werdenden Bergluft, leicht zu schwitzen. So war die Gelegenheit für eine kurze Orientierungspause willkommen und ich zog meine Karte zu rate. Sie drehte sich um und kam dann leichtfüßig angesprungen, um mit auf den Plan zu schauen. Sie freute sich, dass wir schon fast ein Drittel des Weges geschafft hatten und lächelte mich fröhlich an. Randvoll Energie steckte diese braungebrannte, quirlige Brasilianerin.

 

Der Pfad wurde bald immer steiniger und unwegsamer, entwickelte sich Streckenweise zur schmalen Stiege und wir mussten zeitweilig richtig klettern. Sie immer vorne weg. Wie eine kleine Gams oder wie eine Bergziege, dachte ich anerkennend.

 

Irgendwann sahen wir von einer Bergkuppe aus in der Ferne das lang ersehnte Meer glitzern. Die Sonne stand schon recht tief und schräg am Himmel und erzeugte ein heftig blendendes Flirren auf der Wasseroberfläche.

 

Wir hatten jetzt noch einige Kilometer zu laufen und die Dämmerungszeit nahte. Darum gingen wir nun nochmal etwas zügiger und waren dann jedoch ziemlich überrascht, als wir um eine letzte Kurve kamen und es auf einmal nur noch einige hundert Meter bis zum Strand waren. Da wir uns nicht so gut mit Worten verständigen konnten, strahlten wir uns einfach an und rannten los. Im Sand ließ ich meinen Rucksack stehen und zog eilends meine Reiseklamotten aus. Ganz selbstverständlich alles. Sie staunte kurz und tat es mir nach. Das Wasser war prickelnd wie Brause und abkühlend frisch, als wir nebeneinander in die Wellen stürmten. Sie ergriff meine Hand und zog mich ins tiefere Wasser, wo wir Beide gleichzeitig untertauchten, um uns anschließend nach Luft schnappend ausgelassen aneinander zu reiben.

Wir kamen uns unter Wasser näher und als wir den Strand wieder erreichten, schien alles klar zu sein, wie man so schön sagt. Auf dem Weg zum Lagerplatz sammelten wir einige Stücke Treibholz ein und ich stellte das kleine Zelt, mit Blickrichtung auf das Meer, an den Dünenrand. Wir aßen und schauten ins Feuer, auf die Wellen, den Sternenhimmel und in unsere Gesichter. Wir ließen den Sand durch die Finger rinnen und berührten uns mit den Zehen.

 

In dieser Nacht dachte ich das erste Mal in meinem Leben daran, vielleicht doch einmal Vater zu werden.

 

Als ich wohlig entspannt erwachte, war sie mitsamt der ledernen Tasche verschwunden. Als hätte ich geträumt. Ein Blick aus dem Zelt bestätigte jedoch ihren Aufbruch. Die Fußabdrücke waren unschwer zu erkennen und sie wiesen in Richtung Norden. Also gen Nonza, was ja auch mein heutiges Ziel war. Während das Teewasser auf dem kleinen blauen Kocher heiß wurde, erfrischte ich mich im Meer. Irgendwie streifte mein Blick dabei immer wieder zurück über den Strand. Ich hielt Ausschau nach ihr.

 

In Nonza angekommen, stieg ich den halbstündigen, umständlichen Weg hinab zum Meer und suchte mir ein geschütztes Plätzchen für mein Zelt. Ganz in der Nähe einer Ruine, die am Rande des lange untergegangenen Dorfes vor sich hin verfiel.

 

Anschließend erkundete ich die unbewohnte Umgebung. Die weite einsame Bucht, das nur noch an etwa dreizehn Steinhaufen und einigen Mauerresten erkennbare und im Hangbereich vollkommen verschüttete Dorfgelände, den kleinen Feigenbaumwald und einen leise vor sich hin plätschernden Quellbach. Ich hielt die Füße ins kühle Wasser und überlegte zwischendrin, ob ich Maria vielleicht oben im bewohnten Nonza suchen gehen sollte. Ließ es dann aber sein.

 

Nachdem ich den Ameisen lange beim ausdauernden Beuteschleppen zugesehen hatte und zudem mein kleines Feuer niedergebrannt war, legte ich mich gemütlich ins offene Zelt. Mit Meerblick. Bald schlief ich tief und auch ein bisschen erschöpft ein. Ich hatte einen ruhigen und entspannenden Ort gefunden.

 

Sie war leise und unbemerkt hereingeschlichen und schmiegte ihren Körper wohlig und vertrauensvoll an mich. Irgendwie vollkommen selbstverständlich. Die kleinen Sehnsüchte des Tages wurden in dieser Nacht nun doch noch erfüllt und mit einem leichten Lächeln schlief ich wieder ein.

 

Am Morgen war sie abermals verschwunden.

 

Sieben Nächte kam sie zu mir. Und an jedem der darauf folgenden Sonnenaufgänge war sie nicht mehr da. Sie war eine Frau die sich nicht verabredete und auch keine Gespräche wollte. Nur Berührungen allüberall. Und leise Laute.

 

Dann verschwand Maria vollends. Ich habe sie nie wieder gesehen.

 

Insgeheim und in manchen Träumen beschleicht mich der Gedanke, ich hätte da noch eine, mir jedoch vollkommen unbekannte Familie, im weit entfernt liegenden Brasilien.