Alle Alman

Ich hatte mir für diese Tour vorsorglich ein spezielles Messer besorgt. Ein schönes automatisches Klappmesser mit Hirschhorngriff. Es lag gut in der Hand, war auffällig robust, mit einer stabilen Messerschneide versehen und zudem außerordentlich scharf. Ich konnte die Klinge mit einem leichten Daumendruck blitzschnell herausschnellen lassen, sie arretierte sogleich und das Messer war unmittelbar einsatzbereit.

 

Wir hatten die letzten dreißig, von den insgesamt circa hundertzwanzig Zuchtrindern, in Izmir abgeliefert. Bis auf ein aufgehacktes Stück, das zwei Tage lang zerteilt auf dem jugoslawischen Grenzbahnhof herumlag, hatten sie überlebt und auch sonst war alles einigermaßen gut gegangen.

 

Zum Abschluss unserer gemeinsamen Cowboytour wollten wir noch mal ausgiebig essen gehen. In einem gepflegten Hafenrestaurant in Izmir. Zur Meerseite war dieser edle Laden voll verglast und wir bekamen auch einen wunderbaren Fensterplatz, vor dem die Felsen steil abfielen und nichts den Blick auf das ruhig wirkende Meer versperren konnte. Schon auf dem Bahnhof hatten wir zwei sympathische junge Männer aus Wien kennengelernt, die kurz entschlossen mit uns zum Abendessen gekommen waren.

 

Der Transport aus Norddeutschland, über die zum Teil winterlich verschneiten Alpen, bis in die sonnige Türkei, hatte zwölf Tage und zwölf Nächte gedauert. Wir hatten für die trächtigen Schwarzbunten gesorgt. Füttern und tränken, wann immer sich die Gelegenheit bot. Meistens wurden nachts auf kleinen Güterbahnhöfen, von denen man im Dunkeln nichts außer der Wasserzapfstelle mitbekam, einige hundert Liter Wasser in die großen blauen Plastiktonnen gefüllt. Dieser Wasservorrat musste bei jeder Gelegenheit aufgefrischt werden, während ausreichend Heuballen für die tägliche Fütterung in jedem Waggon deponiert waren.

 

Wir lagerten zu zweit im Heu zwischen den Tieren und zogen uns nie zum Schlafen aus oder um, höchstens mal was drüber. So waren wir immer in Bereitschaft. Denn es existierten keine Fahrpläne. Sobald der Zug also irgendwo anhielt, versuchten wir rasch den nächsten Waggon zu erreichen, damit alle Kühe so nach und nach versorgt werden konnten.

 

Das Füttern der Tiere während der Bergetappe hingegen, war eine etwas angenehmere Sache. Sobald es auch nur leicht bergan ging, zuckelte die alte Dampflok nämlich so lahm dahin, dass man aus einem Waggon springen und auf den nächsten wieder aufspringen konnte. So wurden die fünf Güterwagen in wenigen Stunden versorgt und wir hatten dann, insbesondere als wir auf der Südseite de Alpen waren, die Gelegenheit unsere Füße aus der ein wenig geöffneten Schiebetür zu hängen und dabei ne Marlboro oder auch mal einen Joint zu rauchen.

 

Der Typ, der neben mir schlief, hatte drei mattschwarze Wurfmesser dabei. Sie schaukelten die meiste Zeit an einer Art Gürtel über seinem Kopf an der hölzernen Waggonwand. Dieser schwarze Gurt war eigentlich so geschnitten, dass man ihn am Oberschenkel tragen konnte, was er aber während der Tour nicht tat.

 

Ansonsten bevorzugte er ausschließlich schwarze Klamotten. Sie bildeten einen starken Kontrast zu seinen weißen Haaren und der durchscheinend blassen Haut. Seine Pupillen waren groß und je nach Lichteinfall, hellblau bis rosa und ziemlich unergründlich. Sein Gesicht blieb eher ausdruckslos und er lächelte merkwürdiger Weise bei jeder Gelegenheit das gleiche Lächeln. Es fiel mir besonders auf, als er zusah wie diese kranke Kuh neben den Gleisen aufgehackt wurde und der tote Fötus herausrutschte.

 

Mein neues Messer erfüllte seinen Zweck ausgezeichnet, denn die großen Heuballen für die Fütterung wurden von einem sehr zähen Strohband zusammengehalten, welches nur mit einer scharfen Klinge aufzutrennen war. Sie war jederzeit schnell einsatzbereit und ich gebrauchte sie auch einige Male, um ein in den Seilen verheddertes Tier zu befreien.

 

Der türkische Lokführer, dem ich ab und an die Kohlen unter den Kessel der Dampflok schaufelte, war ganz scharf auf dieses Messer und wollte es mir unbedingt für wenig Geld abschwatzen. Mit der fadenscheinig klingenden Begründung, ich würde in der Türkei sofort von der Militärpolizei festgenommen, falls diese das Messer bei mir entdecken sollte, versuchte er mich zu überreden. Und die Gefängnisse in seiner Heimat würde man ja kennen, schob er  breit grinsend nach.

 

Ich verkaufte natürlich nicht.

 

 

Also, ein bewaffneter Messerwerfer, zwei Österreicher und ich mit meinem Springmesser, nebst einem kleinen Piece „Schwarzer Afghane“ im Tabaksbeutel, saßen in diesem schicken Restaurant an einem Tisch und genossen den Meerblick. Wie sich erst später am Abend herausstellte, waren die beiden Wiener auf dem Weg über die Türkei in Richtung Griechenland unterwegs, um ihre Heimat mit Heroin oder Opium versorgen.

 

Das Restaurant war gut besucht und von regem Besteckgeklapper und raunendem Menschengeplapper erfüllt. Die Kellner flitzten eifrig bemüht umher und verbreiteten appetitanregende Essensgerüche.

 

Nach der zurückliegenden Tour, mit dem tagtäglichen „Aus-der-Hand-gefuttere“, hatten wir ordentlich Hunger auf etwas fein Zubereitetes. Besonders in dieser geschmackvollen Atmosphäre. Und so waren wir guter Dinge und sahen aus diesem Grunde auch beinahe jedem Kellner erwartungsvoll entgegen.

 

Plötzlich geriet alles ins stocken. Das Personal sah sich erschrocken um und keiner machte mehr einen Schritt. Die Gespräche verstummten.

 

Außen, vor den gläsernen Terrassentüren tauchten schwarz uniformierte Männer mit Maschinenpistolen auf. Auch wir sahen uns um.

 

Ein besonders prächtig Uniformierter betrat den mittlerweile totenstill gewordenen Raum. Während er eine, für uns nur wenig verständliche Erklärung abgab, stapften weitere schwerbewaffnete Männer hinter ihm herein und verteilten sich gleichmäßig an den Wänden. Wir sahen uns an und bekamen wohl alle ziemliches Herzklopfen.

 

Nun mussten die Gäste, die am ersten Tisch neben dem Eingang Platz genommen hatten, aufstehen und ihre Ausweise vorzeigen. Ein jüngerer Mann wurde kurz in den Flur begleitet und dort mehr oder wenig öffentlich untersucht. Dann durften sich alle wieder setzen und der Offizier ging zum nächsten Tisch.

 

Ich zählte die Tische, die zwischen dem zweiten und dem unserem standen. Wenn nichts passierte, würde es nicht lange dauern, bis er die fünf Tische überprüft hätte und bei uns angelangt wäre.

 

Obwohl ich von der Kuriertätigkeit unserer zwei Begleiter zu der Zeit noch gar nichts wusste, kam es mir plötzlich viel Zuviel vor, was wir an Drogen und Waffen bei uns trugen. Dazu kam, dass wir unsere Ausweise sicherheitshalber im Hotel gelassen hatten. Und wie ich beobachtete, durfte man nicht einmal zur Toilette, geschweige denn zum nahegelegenen Hotel. Alle hatten ruhig sitzen zu bleiben, sonst wurde die eine oder andere Maschinenpistole schon mal bedrohlich angehoben.

 

Er kam also näher. Allen war heiß. Kleine Schweißperlen glitzerten auf den Stirnen. Ich saß ihm am nächsten. Mit ihm zugewandtem Rücken. Und ich traute mich immer weniger, mich umzudrehen, um das Geschehen weiter zu beobachten.

 

Unser Albino blieb cool und lächelte dieses Lächeln. Ich beobachtete ihn genau, denn ich traute ihm ohne weiteres irgendwelche Albernheiten mit seinen Messerchen zu.

 

Die Hand war plötzlich auf meiner Schulter und ließ mich unmerklich zusammenzucken. Um nicht unangenehm aufzufallen wollte ich geflissentlich aufstehen, wie all die anderen vor mir auch. Aber er drückte noch etwas kräftiger auf meine Schulter.

 

Ich blieb also sitzen. Wir blieben sitzen. Ich drehte mich etwas zu ihm hin und er sprach mich an:

 

„Du Alman?“

 

Ich verstand nicht sofort was er meinte. Er lächelte ein schwer zu deutendes Lächeln.

 

„Du Alman, du deutsch?“, wiederholte er freundlich.

 

Ich verstand ihn und nickte.

 

Er machte eine ruhige Geste über die Tischrunde: „Alle Alman?“ Er strahlte uns an.

Wir nickten eifrig. Bei so viel Freundlichkeit wollte jeder gern „Alman“ sein.

 

„Ah, gutt Alman“ sagte er, „sehrr gutt Alman“.

 

Er tätschelte noch einmal freundschaftlich meine Schulter und ging ohne weitere Beachtung der drei Anderen, ruhigen Schrittes weiter zum Nachbartisch. 

 

Wir konnten es nicht glauben. Ließen uns die Erleichterung jedoch auch nicht zu sehr anmerken. Wir sahen uns nur immer wieder ungläubig an. Jeder von uns hatte wohl insgeheim vermutet, wir seien die Verdächtigen, auf die es die Uniformierten im Grunde abgesehen hätten. Der Schweiß trocknete jedenfalls erst einmal sehr langsam.

 

Meine Erinnerung an den weiteren Verlauf des Abends ist verblasst. Ich glaube aber, wir haben mächtig viel Raki getrunken.

 

Über die Jahre bin ich immer wieder gern in diesem gastfreundlichen Land gewesen. Unbewaffnet und ohne Drogen, versteht sich.

 

Das begehrte Springmesser war eine lange Zeit vergessen. Zufällig habe ich es jedoch in der letzten Woche beim Aufräumen des Dachbodens wiederentdeckt. Es funktioniert auch nach all den Jahren immer noch einwandfrei.