Abheben

Sie hatte die Sitzplatznummer links neben mir.

 

Auf Grund ihres Auftretens nahm ich erst einmal an, sie käme aus einem außereuropäischen Staat. Kuba vielleicht. Ja, wahrscheinlich Kuba.

 

Sehr attraktiv sah sie aus und freundlich gelächelt hatte sie ebenfalls, als sie sich neben mich setzte.

 

Es stellte sich schnell heraus, dass sie deutsch sprach und wir unterhielten uns übers Wetter, während sich das Flugzeug langsam füllte. Sie lehnte sich zu meiner Seite herüber, um mir eine Maschine aus ihrer Heimat zu zeigen. American Airlines stand in großen Buchstaben darauf geschrieben.

 

Sie berührte mich wie unabsichtlich am Arm und an der Schulter, und entschuldigte sich dann strahlend dafür. Charmant, dachte ich und freute mich auf die drei Stunden neben ihr. Im ansonsten bekanntermaßen immer viel zu engen Flugzeug.

 

Sie erzählte, sie käme aus Kalifornien und würde jetzt hier in der Hansestadt leben und arbeiten. Als ich erwähnte, dass ich auch einige Jahre hier studiert hätte, legte sie vertrauensvoll ihre Hand auf meinen Arm, als wären wir alte Bekannte aus der Schule oder aus dem Kindergarten.

 

Die Hand blieb dort liegen, während wir nach gemeinsamen Orten oder Begebenheiten aus unserer Vergangenheit forschten.

 

Sie hatte an der Hochschule für Kunst und Musik studiert, an der ich seinerzeit einige Semester Architektur absolviert hatte. Jetzt war sie Sängerin an der Oper des örtlichen Theaters.

 

Ich musterte sie nochmals erstaunt. Mein inneres Bild von Opernsängerinnen sollte ich bei Gelegenheit unbedingt mal erneuern, dachte ich.

 

Der Flieger war nun voll besetzt und rollte langsam rückwärts, um auf den Taxiway zu gelangen. Der Aufruf zum Anschnallen wurde von einem schmerzhaft laut eingestellten Gong eingeläutet.

 

Ich spürte, sie ließ mich scheinbar ungern wieder los und so drückte sie auch noch einmal herzhaft freundlich meinen Unterarm, bevor sie den Sicherheitsgurt nahm und ihn mit einem hörbaren Klick schloss.

 

Sie war nicht besonders groß und dabei sportlich schlank und trotzdem berührte sie meinen linken Oberschenkel mit ihrem rechten Bein. Fast so, als wäre ihr Sitz schräg montiert und sie würde deshalb gegen mich gedrückt.

 

Angenehm warm und fest war diese Berührung. Während sie erzählte, in welcher Stadt in Kalifornien sie bei den Großeltern aufgewachsen war, zog ich mein Bein sachte zu mir heran. Das ihre folgte beinahe unmerklich. Ziemlich aufregend.

 

Ihr Arm drängte auf die Lehne. "Oh pardon", sagte ich und wollte Platz machen, aber sie meinte etwas unsicher lächelnd, sie könne ja ihren Arm auf den meinen legen, wenn es mir nichts ausmachte, dann wäre die Lehne halt für zwei.

 

Ich nickte und sie legte ihren nackten bronzefarbenen Arm auf den meinen. Dann schloss sie ihre schlanken, gepflegten Finger locker über meinem Handrücken. Welch ein Start!

 

Das Flugzeug war mittlerweile in der richtigen Position angekommen und die Triebwerke wurden lauter und heulten kurzzeitig kräftig auf.

 

Ihr Händedruck wurde fester und ich drehte meine Hand herum, damit die ihre darin zu liegen kam und ich ihr etwas mehr Halt geben konnte.

 

Die Maschine rollte an und mit der zunehmenden Geschwindigkeit, erhöhte sich auch ihr Händedruck.

 

Die Muskelstränge auf ihrem Unterarm wurden immer deutlicher sichtbar. Ich machte sie darauf aufmerksam und sie lächelte etwas schräg und sagte, es käme vom Training.

 

Gesangstraining konnte da wohl nicht gemeint sein, überlegte ich kurz und taxierte sie nochmals ein bisschen ausgiebiger von der Seite.

 

Ihr Griff wurde nun unnatürlich fest und kurz bevor wir abhoben, legte ich zur Entspannung meine rechte Hand behutsam auf ihren Arm.

 

Ihr Kopf sank fast gleichzeitig an meine Schulter.

 

„Karate“, hauchte sie an mein Ohr. Und nach dem nächsten Atemzug: „ich trainiere Karate und ich habe furchtbare Flugangst“.