Ablaufdatum

Zerbröselter Zwieback. Er begutachtete den Inhalt der durchsichtigen Tüte von allen Seiten und legte sie dann behutsam auf den feuchten Seitenrand der Tonne.

 

Es nieselte leicht und der alte Herr trug, ebenso wie der Zwieback, einen durchscheinenden, zerknitterten Umhang aus Plastik.

 

Außerdem hatte er einen abgegriffenen, sich gabelnden Stock dabei, den er so geschickt eingeklemmt hatte, dass das Zufallen des Deckels zuverlässig verhindert wurde. „Professionell“, dachte ich. Er tauchte mit beiden Händen nochmals tief in die Mülltonne hinein.

 

Ein Glas mit eingelegten, sauren Gurken kam zum Vorschein. Er sah sich die Gurken genauer an. Das Glas wurde hochgehalten, gegen einen hellgrauen Himmelsfleck geprüft und an die Seite gestellt.

 

„Sauregurkenzeit“, schoss es mir, ein wenig schamhaft angerührt, durch den Kopf.

 

Ich sagte: „Die sehen ja noch ganz lecker aus.“

 

„Sind aber abgelaufen - zum Jahresende.“

 

Dann beförderte er Hühnerteile, in einer hellbraunen Brühe schwimmend, ans Licht. Sowas haben wir als Schüler spaßeshalber „Unfallhühner“ genannt, dachte ich.

 

„Auch abgelaufen“, meinte er.

 

Eine Portion getrocknete Erbsen, wiederum in einer klaren Plastiktüte. „Abgelaufen“, bemerkte er nach kurzer Betrachtung.

 

„Ich nehme nur nicht abgelaufene Lebensmittel“, konstatierte er mit einer abschließenden Handbewegung.

 

Auch die durchsichtige Plastiktüte plumpste, nebst zerbröckeltem Inhalt, vom nassen Rand der grauen Tonne, in das Dunkel zurück.

 

Ich stieg, mit einem kurzen, freundlich genickten Abschied in meine Limousine und verließ nachdenklich sinnierend, den zunehmend schummriger werdenden Rastplatz. Sinn und Funktion des „Ablaufdatums“, scheinen in unserer Gesellschaft vielfach falsch verstanden und von den meisten Menschen obendrein recht streng ausgelegt zu werden.

 

Irgendwo las ich kürzlich, dass sich die Zahl der Kinder, die ausgeschimpft werden, weil sie ihr Pausenbrot weggeworfen oder nicht aufgegessen haben, stark verringert hätte.

 

Die Anzahl der alten Männer, die unauffällig aus den Augenwinkeln in halboffene Mülleimer schielen, die hingegen hat wohl zugenommen.

 

Ich zumindest bemerke neuerdings des Öfteren diese aussortierten, betagten Menschen. Oft in Plastik eingehüllt und mit zerbröselten Lebensbiografien. Mehr oder weniger bedrückt und zum Lebensende am Rande der Gesellschaft.