„Im alten, wilden Osten gab es eine Regel: Wenn die Wölfe näher kommen, muss einer vom Schlitten…“

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DOG VINCI


"Hundefutter"

 

Kapitel 1 bis 7 von 61:

 

 

 

 

Ganz gleich, wie oft oder wie umfangreich aufgeklärt wird, die Lebensmittelindustrie ist immer mindestens einen Schritt voraus.

 

 

1

 

Zwei Augen waren heraus gefallen und auf den Boden gerollt. Um die Hände frei zu bekommen, schob er sich das tropfende Stück Fleisch kurz entschlossen zwischen die Zähne. Dann nahm er die beiden Augäpfel behutsam zwischen die Spitzen von Daumen und Zeigefinger, hob sie hoch und legte sie sorgfältig und mit Gefühl so auf den Augenhaufen, dass sie ein Paar bildeten. Man sah an der ungleichen Größe, dass sie eigentlich von unterschiedlichen Tieren stammten. Nun waren sie jedoch gezwungen, wie zwei Zusammengehörende in die gleiche Richtung zu schauen.

 

Das etwa brusthohe Fass war jetzt, obwohl die Frühschicht gerade erst vorüber war, schon randvoll und es erinnerte ihn an eine Schale mit Glasmurmeln, wie sie früher bei seiner Großmutter auf der Vitrine stand. Die Enkelkinder waren seinerzeit ganz wild darauf und hatten alle liebend gern damit gespielt.

 

Roger arbeitete erst seit einigen Monaten im Veterinärmedizinischen Überwachungslabor dieser europaweit bekannten Fleischwarenfabrik in Norddeutschland. Es war ein sehr ordentlich bezahlter Job. Er war der Leiter in einem kleinen Labor, mit nur drei Angestellten. Es gab bisher keine Kollegen die ihn besonders interessierten oder die er näher kennen lernen wollte. Und er suchte auch nicht direkt den Kontakt zu den anderen Mitarbeitern.

 

So waren seine Pausen eher ereignislos und, sofern die Wetterlage es zuließ, ging er gern an die frische Luft. Während er ein frisch gebratenes Kotelette aus der Kantine oder manchmal auch eine Brühwurst aus der Hand verzehrte, sah er sich, ruhig umher spazierend, auf dem ausgedehnten Betriebsgelände um.

 

Besonders die großen Metallfässer mit den Schlachtabfällen, die am Ende des Hofes an der Hallenmauer zur Abholung bereit standen, zogen ihn immer wieder wie magisch an. Jetzt im Sommer, musste er sich zugegebenermaßen jedes Mal aufs Neue an den heftigen Geruch gewöhnen. Aber bereits nach wenigen Minuten ignorierte seine Nase den Gestank beinahe gänzlich.

 

Heute war er nun wieder einmal genüsslich kauend vor dem brusthohen, leicht überfüllten Behälter mit den Tieraugen stehen geblieben. Er nagte die letzten Fleischbissen vom Koteletteknochen und wischte sich anschließend, etwas verstohlen und einigermaßen unauffällig, die Finger an den dunklen Hosenbeinen ab. Sein weißer Kittel sollte möglichst lange sauber bleiben.

 

Ist schon merkwürdig, dachte er, während er sich etwas Fleischsaft am Kinn verrieb und den Kopf leicht schräg legte, trotz der Masse und der wirren Unregelmäßigkeit des Augenhaufens in der Tonne, erkennen und identifizieren wir ein Augenpaar sofort als solches, selbst wenn es überhaupt nicht zusammengehört.

 

Dieses nackte Augenpaar war zudem völlig ausdruckslos, weil ihm das dazugehörige Gesicht fehlte, aber wenn er es zuließ, starrte es trotzdem irgendwie bis tief in ihn hinein.

 

2

 

Endlich wieder Wochenende.

 

Er schlürfte behaglich den Rest seines schwarzen, bittersüßen Assams. Dampf stieg aus der Leere des Bechers auf.

 

Seine Gedanken blieben wie üblich kurz auf ihnen haften: Sie verblassten gemeinsam. So nach und nach. Dabei waren sie vor vielen Jahren so unbesiegbar verliebt gewesen.

 

 

Momentan waren sie lediglich noch unscheinbar und verblichen anzuschauen. Wie in einem fein beschlagenen Badezimmerspiegel, dachte er. Nur wurde dieses Bild, anders als im Bad, hier immer noch durchscheinender. Gerade so, wie auch das Bild der Gemeinsamkeit, welches er in sich trug, immer unschärfer, oder besser, täglich etwas belangloser wurde.

 

 

Er betrachtete die Überreste des Fotos, auf dem sie aneinander voll Vertrauen zugewandt schienen nun zum wiederholten Mal und drehte es dabei leicht. Auch von dem äußeren Glanz war mittlerweile viel verloren gegangen.

 

 

Im Grunde hatte er es über die Jahre beinahe willentlich zerstört. Seine Erleichterung wuchs zumindest jedesmal, wenn er ein weiteres Nachlassen der Regelmäßigkeit an den Rändern ihrer Körperkonturen erkennen konnte. Er erwartete nicht, dass dieses Foto jemals gänzlich ausbleichen würde, wäre jedoch sicherlich auch damit einverstanden gewesen.

 

 

Er zog auf alle Fälle das mittlerweile zum Alltag gehörende Prozedere unbeirrt durch. Begonnen hatte er damit bereits vor Jahren. Kurz nachdem sie fort war.

 

 

Dieses großartige, gemeinsame Foto von ihnen prangte ungefähr seit der Hochzeit auf seinem Lieblingsbecher. Und es hatte immer noch Symbolkraft. Gerade weil es verging. Es war in entgegenkommender Weise nicht spülmaschinenfest.

 

 

Er erhob sich, räumte routiniert ab und stellte den Becher in die reservierte Ecke. Oben rechts, in den herausziehbaren Korbwagen. Wie immer.

 

 

Er genoss es mittlerweile ausgiebig, am Wochenende allein zu sein. Spontan entscheiden zu können. Nun fläzte er sich auf seinem Bett herum, um ein wenig nachzudenken. Über die zerbröselte Familie, Freunde und Bekannte und sein sonstiges Leben.

 

Er wusste von Zeit zu Zeit nicht so recht, was seine Mitmenschen in ihm sahen. Er hatte während der Ehe zeitweise den Eindruck, sie wollte oder konnte ihn tatsächlich nicht verstehen. So dachte er von sich, er sei der „Gute Geist“ im Haus, aber tatsächlich wurde er wohl manchmal eher als ein Schreckgespenst gesehen. Fast, als würde sich seine Frau anstrengen, etwas anderes zu hören und zu sehen, als das was er sagte oder war. Etwas in ihm bemühte sich in solchen Situationen darum, doch endlich richtig verstanden und wahrgenommen zu werden. Sein Bestreben wurde anscheinend bewusst nicht gesehen und möglichst ignoriert oder kurzerhand umdefiniert. Einige Male wurden diese Situationen, ob seiner offensichtlichen Bemühungen, auch kompliziert oder gar peinlich.

 

Vielleicht war es ja auch einfach die mangelnde Feinfühligkeit bei seinen Mitmenschen, die ihn immer wieder völlig überraschte.

 

Irgendwie kam er mit seinen Gedanken nicht weiter und beschloss, nachdem er sich mal wieder ausgiebig den Kopf darüber zerbröselt hatte, dieser Sehnsucht nach mehr menschlichem Verständnis in Zukunft nicht mehr so viel Raum zu geben.

 

Damit schloss er diese unerquicklichen, unerfreulichen Gedankengänge erst einmal ab, schraubte sich aus dem Bett und setzte sich kurz entschlossen an seinen PC.

 

Mal eben bei „BILDblog“ und dann beim „Niggemeier“ vorbei schauen. Beides gefiel ihm, es war locker aufgemacht und meistens gründlich und gut recherchiert. Dort gab es immer mal aktuelle journalistische Fehlleistungen zu lesen. Und es lasen anscheinend auch viele interessierte und manchmal auch betroffene Journalisten dort und beteiligten sich mit Kommentaren an der Diskussion. Für ihn war diese Möglichkeit der Medienkritik eine der bemerkenswertesten Entdeckungen der letzten Zeit im Internet.

 

Noch während er einen ersten Beitrag las, klingelte sein PC. Es klang genau wie das auf  der Fensterbank stehende, altmodische, elfenbeinfarbene W48. Ein kleines Fenster rechts unten auf dem Monitor begann zu blinken. Es kam gerade eine neue Nachricht herein. Seit einiger Zeit wuchs die Zahl der Anfragen auf Grund seiner Angebotsseite im Internet. Ein kleiner aufregender Job wäre jetzt genau das, was ihm gefallen könnte.

 

Er öffnete die eingegangene E-Mail und sah sie sich genauer an. Tatsächlich eine Anfrage. Sehr kurz gehalten und exakt beschrieben. Da hatte sich jemand bereits über den ersten Teil der Durchführung Gedanken gemacht. Die örtlichen Gegebenheiten waren ziemlich gut beobachtet und dargestellt. Verlockend für ihn, einfach loszuziehen und den schwarzen Pudel vom Fell zu befreien.

 

Er wusste allerdings genau, dass er immer wieder die Beobachtungszeit im Vorfeld benötigte, egal wie ausführlich die Auftraggeber für ihn recherchiert hatten. Einerseits um sicher zu sein, was die Örtlichkeiten betraf und außerdem, weil er sich den Ablauf des Geschehens im Voraus jeweils genau vorstellte, um sich einzustimmen. Sich innerlich konzentriert vorbereiten auf den bevorstehenden Handlungsablauf, dass war ihm seit den ersten Trainingsstunden des Taekwondoin Fleisch und Blut übergegangen.

  

Diesmal war es ein „Inseljob“. Er musste also mit der Fähre am frühen Morgen los und würde erst am Abend zurück sein. Ziemlich zeitaufwendig schien das ganze Unternehmen zu werden und etwas umständlicher als sonst, war so eine Aktion auf der Insel zudem. Und ein bisschen teurer, aber Gott sei Dank auch etwas herausfordernder und spannender, weil die Leute auf so einer kleinen Insel einander kannten und er leicht auffallen könnte.

 

Also müsste seine Tarnung perfekt unauffällig sein und er hatte sich genau zu überlegen wie er, im Fall einer Panne oder Störung, die Insel unerkannt wieder verlassen könnte. Aber im Sommer, mit den vielen Wochenend- und Tagestouristen würde es schon klappen, in der wuselnden Menschenmenge unterzutauchen.

 

Er freute sich auf die Ablenkung und die Reise. Deshalb nahm er sofort telefonisch Kontakt zum Auftraggeber auf, um die näheren Umstände und die Honorarzahlungen zu besprechen.

 

Danach klickte er noch mal auf den Link zum Niggemeier, um den angelesenen Artikel zu beenden. Es war ihm eine Genugtuung, dass es jetzt so was gab. Jemand der kenntnisreich auf die Medienarbeit in unserem Land schaute und unsere sogenannte vierte Gewalt, ein ums andere Mal, als recht mächtig, jedoch nicht besonders ernst zu nehmend entlarvte. Und er als Leser konnte, wann immer er wollte, seine eigenen Gedanken zu den Beiträgen in Worte fassen und sie dann als Kommentar für alle Interessierten sichtbar werden lassen. Er fand es einfach genial.

 

3

 

Er hatte dann doch schon die Abendfähre auf die Insel genommen, weil sich herausstellte, dass der Job am frühen Vormittag am ehesten und ohne großen Aufwand zu erledigen war. Außerdem ergab sich so die Gelegenheit für ihn, wieder einmal im Freien zu Übernachten.

 

In einer sternklaren Nacht am Strand zu schlafen, gehörte immer wieder zu den besonders wohltuenden Erlebnissen. Zudem entstanden keine Hotelkosten und er musste nichts unterschreiben und wurde auch sonst nirgendwo namentlich erfasst.

 

Es war noch ziemlich dunkel, so kurz vor dem Morgengrauen, als er sich seinen ersten Schluck lauwarmen Kaffee aus der Thermoskanne einschenkte.

 

Er hatte außergewöhnlich gut und fest geschlafen. Das Meer brandete gleichbleibend ruhig an den weiten und menschenleeren Badestrand. Seine Kleidung hatte er im Schlafsack anbehalten und so legte er nunmehr nur noch seine neue Manschette an. Es war eine, aus einer medizinischen Armschiene entwickelte, Stiletto – Manschette.

 

Diese Vorrichtung hatte er in ähnlicher Art, allerdings in einer Ausführung mit Schusswaffen, statt der Klinge und zum parallel tragen für beide Arme, in dem Film Taxidriver gesehen. In Anlehnung daran hatte er das Ganze anschließend etwas modifiziert und für seinen Bedarf nachgebaut.

 

Ein kleiner und hochempfindlicher Sensorpunkt sorgt in Sekundenbruchteilen für das Herausschnellen einer scharfen, dünnen Klinge. Diese taucht gleichsam augenblicklich, parallel zum Unterarm und oberhalb des Handrückens auf und wirkt, richtig eingesetzt, in jedem Fall tödlich.

 

Er hatte diese handgeschmiedete Klinge in Japan anfertigen lassen und an unterschiedlichen Stoffen getestet. Sie durchdrang Leder, Felle und alle gewebten Kleiderstoffe, dank der Schärfe und Feinheit wie Butter. Haut und Fleisch allemal. Er hatte sie zwar bisher noch nicht zum Töten benutzt, ohne die Manschette fühlte er sich jedoch bei einer Auftragsabwicklung nicht mehr richtig angezogen.

 

Es wehte ein lauer Wind vom Meer und wie immer meldeten sich Darm und Blase zuverlässig nach dem Leeren des ersten Kaffeebechers. Er stand leicht verschlafen fröstelnd auf und lief los, um ein geeignetes Plätzchen zu auszukundschaften.

 

Er erinnerte sich vom Vorabend, als er auf der Suche nach einem geschützten Schlafplatz war, an eine gemauerte Grabenwand ganz in der Nähe. Dort angekommen, hockte er sich versteckt an den Abhang.

 

Er war eben dabei sich aufzurichten, als er hinter sich ein kräftiges hecheln, gefolgt von einem bösartigen knurren vernahm.

 

Ausnahmsweise war er nun einmal der Überraschte. Er blieb ganz gefasst. Auch so eine Situation hatte er sich in seinem Kampftraining immer mal wieder vorgestellt, allerdings ohne die heruntergelassenen Hosen. Und auch nicht an einer weichen Sandböschung.

 

Der fließende, trockene Boden war allerdings ein Nachteil für Beide, zumindest was die Standsicherheit anging. Er ergriff eine Hand voll von dem feinen Sand, während er fast gleichzeitig das lange, beidseitig geschliffene Messer aus seiner Automatikscheide am rechten Unterarm hervorschnellen ließ. Die folgende Drehbewegung nach links vollführte er, um den Sand in Richtung Angreifer zu schleudern und um dem Tier nicht mehr den Rücken zuzuwenden.

 

Ein fliegender schwarzer Rottweiler kam ihm entgegen. Er wurde zwar vom Sandwurf verfehlt, sprang jedoch andererseits so ins Messer, dass die beidseitig geschliffene Klinge nur noch zweimal kurz bewegt werden musste, um ihm das Herz zu zerschneiden. Er jaulte nicht einmal. Sie rollten umeinander ein Stück den Abhang hinunter. Der Hund strampelte und zuckte mehrmals mit den Pfoten als würde er träumen, bevor es vorbei war.

 

Er schleuderte das tote Tier ärgerlich den Rest des Gefälles hinunter. Mit einem Tritt löste er eine Sandlawine aus und war verblüfft, wie perfekt und mit nur einer Fußbewegung er damit den Kadaver unten an der Böschung verschüttet hatte. Er lauschte und sah sich aufmerksam um. Irgendwo in der Nähe musste das dazugehörige Frauchen oder Herrchen sein. Er wollte auf keinen Fall entdeckt werden.

 

Beim Reinigen seines Messers betrachtete er die im Sand hinterlassenen Kampfspuren. Sie waren einfach zu beseitigen. Er musste nur fest auftretend am oberen Mauerrand entlang gehen und dabei gleichmäßig den Sand die Böschung hinab fließen zu lassen. Auf seinem dunkelroten Feincordhemd waren die Blutflecke fast unsichtbar.

 

Die Hundebesitzer erschienen merkwürdigerweise noch immer nicht. Erst als er wieder bei seinem Schlafsack ankam und begann sein Nachtlager zu räumen, hörte er in der Ferne eine Männerstimme laut nach Falko rufen.

 

Zu spät.

 

4

 

 

 

Nun stand ihm ein längerer Fußmarsch zur anderen Inselseite bevor, um seinen ursprünglichen Auftrag zu erledigen. Unterwegs wurde sein Pulsschlag wieder gleichmäßig ruhig und er fragte sich, wie manche Hunde es mitbekamen, dass er ihr Feind war. Vielleicht verfügten sie ja auch über bisher noch nicht bekannte Sinne.

 

Aus seiner Zeit in der Tierfuttermittelfabrik bei Thomsen & Johnsen wusste er, dass Pferde zum Beispiel an der Kauleiste im Maul besondere Botenstoffsensoren haben, mit denen sie angeblich die Angst ihres Reiters förmlich schmecken können. In der Kombination mit den Erkenntnissen bei der BSE/TSE - Forschung war diese Feststellung seinerzeit der Durchbruch für die Arbeit in der Futtermittel - Forschung im Nachbarlabor gewesen.

 

Nach Jahren fanden die Kollegen endlich das Lock- und Suchtmittel für Hundenasen oder besser gesagt, den chemischen Botenstoff, der die Laborhunde dazu brachte, alles wie wahnsinnig in sich hineinzufressen. Schuhe, Kleidung, Gras, Holz, sie bissen sich sogar an Felsgestein die Zähne aus. Hauptsache, es ging von ihm dieser unbestimmte Geruch von, wie einige annahmen, vibrierender, blutiger Todesangst aus. Dieses Mittel wurde während seiner Zeit im Labor nebenan intensiv erforscht...

 

 

Da er früh auf den Beinen war, ließ er sich Zeit.

 

Nach zwei Stunden hatte er das etwas abgelegene Strandgebiet erreicht. In den Dünen, etwas abseits der Wanderpfade, erklomm er einen dieser halb bewachsenen Sandhügel, um sich einen Überblick zu verschaffen. Hier sollte es irgendwo sein.

 

Oben angekommen ließ er sich verblüfft sofort auf die Knie fallen. Da war er schon, der kleine schwarze Pudel. Er rannte ganz aufgeregt hin und her.

 

Das Frauchen lag fast unbekleidet auf dem Rücken und kam gerade etwas mit dem Oberkörper hoch, zog die Beine an und stützte sich mit dem Ellenbogen im weichen Sand auf. Sie versuchte ihn zwischen ihre Schenkel zu locken. Das Handtuch auf ihrem Bauch verrutschte ein wenig und er sah, dass sie darunter nackt war. Er beobachtete die beiden eine Weile unbemerkt durch das hohe Dünengras.

 

 

Keiner hatte seine Anwesenheit bisher bemerkt. Er legte sich behutsam auf den Rücken und schaute, mit ein wenig zusammengekniffenen Augen, in den blendend blauen Himmel. Jetzt konnte er erstmal einen Moment ausruhen.

 

 

 

Der Weg querfeldein über die Insel, durch den größtenteils lockeren Sand, war doch anstrengender als erwartet.

 

Er vergegenwärtigte sich noch einmal das Bild in der Dünensenke. Was die Beiden da machten war ziemlich eindeutig. Sein Auftraggeber schien diese Art der erotischen Konkurrenz gar nicht zu mögen und war wohl deshalb bereit, Rogers nicht gerade billigen Einsatz in Anspruch zu nehmen.

 

Er blieb einfach noch etwas liegen. Das Ziel war früher als geplant erreicht und so konnte er sich es sich bequem machen. Jetzt hieß es für ihn abwarten bis die zwei miteinander fertig waren und etwas Ruhe eingekehrt war. Dann würde er das kleine Leckermäulchen zu sich locken und es ebenfalls entblößen.

 


Er entspannte sich und begann seinen Gedanken nachzuhängen. Dieser Himmel und diese Situation weckten bei ihm Jugenderinnerungen.

 

 

5

 

 

Sie waren damals etwa vierzehn Jahre alt und auf dem Heimweg. Am Waldrand wollte die gleichaltrige Nachbarstochter überraschend ein Geheimnis mit ihm teilen. Sie steckte ihm unvermittelt und etwas verstohlen, einen, auf etwa Briefmarkengröße gefalteten Zettel zu.


Sie hatten selbstverständlich und altersgemäß recht viele Geheimnisse auf kleinen Zetteln. Die wurden meistens in oder nach der Schule getauscht oder weitergereicht.

 

Dieser schien bereits häufig zusammen- und wieder auseinandergefaltet worden zu sein. Das karierte Papier war schmuddelig abgegriffen und die Ecken fransig abgestoßen. Er war mit einer Maschine getippt worden, deren Farbband bereits Schwächen aufwies. Der Text hatte keine Überschrift und keine Absätze bekommen und begann mit einem schwerlesbaren „Ich“.

 

Er ging weiter langsam neben ihr her und las im Gehen:

 

Ich lag in meiner Badewanne und hörte in der Ferne Sirenengeheul. Sie kamen näher. Da ich sehr neugierig bin und mein Bad sowieso beinahe beendet hatte, stieg ich aus der Wanne und, um ungesehen ans gegenüberliegende Straßenfenster zu gelangen, kroch ich auf allen Vieren durch die Wohnung. Unser Bernhardiner kam neugierig hinter mir her. Er leckte gutmütig einige Tropfen von mir ab. Ich wackelte abwehrend mit dem Po, aber er ließ sich nicht abbringen. Nur mein Kopf ragte über das Fensterbrett, als die Feuerwehr unten auf der Straße mit lautem Geheul vorbeirauschte. Und es folgten in gleichen Abständen vier weitere rote, sehr laute Feuerwehren. Der Bernhardiner leckte weiter an mir rum und es war nicht unangenehm. Als wieder Stille war, drehte mich abrupt um und kroch zurück. Ich schaffte es auch bis in den Flur und schnaufte. Er war hinter mir und ich konnte einfach nicht mehr weiterkriechen oder gar aufstehen. Meine Knie waren butterweich. Er besprang mich

 

Die Geschichte war plötzlich zu Ende. Seine Nachbarin beobachtete sein Gesicht sehr genau, während er den Zettel fragend umdrehte und versuchte, die etwas blassen Schriftzeichen zu einer Geschichte werden zu lassen.

 

Er verstand die Zusammenhänge erst einmal nicht so ganz und blieb äußerlich cool. Wie jugendliche das gern machen, wenn sie mal wieder vor unbekannten Situationen stehen. Hunde springen und lecken halt immer irgendwie an einem rum und manche Menschen bekommen von einem Schrecken auch weiche Knie. Also, irgendwie normal.

 

Da er den Zettel, wegen der Vorstellung einer krabbelnden, nackten Frau, irgendwie auch aufregend fand, sah er seine Mitschülerin kurz an und steckte ihn dann ein. „Ja, gut“, sagte er. Sie gingen die letzten hundert Meter schweigend nebeneinander her und sagten dann „Tschüss“ wie immer.

 

Obwohl sie sich weiterhin täglich sahen, sprachen sie nie wieder darüber.

 

 

6

 

 

Am Tagesende fuhr er mit der letzten Fähre zurück. Bei dem Wetter waren viele Tagestouristen auf dem Heimweg und er setzte sich auf eine windgeschützte Bank, unterhalb der Brücke, auf das Passagierdeck. Hier war es ruhig und er beobachtete eine Zeitlang die Wellen und entdeckte neben sich eine liegen gebliebene Zeitschrift.

 

Die Titelseite wurde von einem neuerlichen Lebensmittelskandal eingenommen. Diesmal hatte es zu seiner heimlichen Genugtuung die Gemüsebranche erwischt. Im Artikel stand nichts Neues. Auf einer speziellen Tierseite in der Mitte des Heftes, waren Hunde das Hauptthema. Ein gewisser Stanley Coren, Autor von Hunde, die Geschichte schrieben, schätzte dort laut einem kleinen Beitrag angeblich, dass bisher 230 Hunde im Weißen Haus lebten, bei 43 amerikanischen Präsidenten.


 

Von denen aber der erste, George Washington, nicht im Weißen Haus regierte, weil es noch gar nicht gebaut war. Washington war jedoch der größte Hundefreund im Amt, er züchtete sogar Hunde; die Rasse American Foxhound verdankt ihm ihre Existenz. Der einzige Präsident, der im Weißen Haus angeblich keinen Hund hielt, war demnach Abraham Lincoln. Dabei hatte er einen Hund, Fido hieß er. Aber Lincolns Frau wollte nicht, dass er mit nach Washington zog, er werde die Teppiche im Amtssitz beschmutzen, meinte sie, da die kein Privatbesitz seien – gehe das nicht.

 

 Also blieb Fido in Illinois, Lincolns Heimat. Fido war ein großer gelber Hund, der seltsamerweise wie sein Herr ermordet wurde, etwa ein Jahr nach ihm, im Jahr 1866. Fido hatte einen schlafenden Betrunkenen entdeckt und an ihm geschnüffelt. Der Mann wachte auf, geriet in Panik und erstach den Hund.

 

Hunde sind angeblich Tiere, die sich einordnen, Rudelwesen. Umso erstaunlicher, dass manche US-Präsidenten nicht Alphatier genug waren, ihren Hund in Schach zu halten. Reagan hatte einen Bouvier, einen recht großen Hund, mit dem man üblicherweise Rinder hütet. Der versuchte in Ermangelung von Kühen den Präsidenten zu treiben, schnappte nach seinen Füßen und biss ihn in den Hintern. Was ihm prompt die Versetzung auf Reagans Ranch in Kalifornien eintrug.

 

Interessant ist, dass sich deutsche Politiker nach wie vor selten mit Hunden zeigen. Es wird vermutlich auch an Hitlers wiederholtem Posieren mit der Schäferhündin Blondie liegen.

 

Roger las diese Artikel etwas widerwillig bis zum Ende und blätterte um.

 

Dort stand eine kleine Geschichte seiner Lieblingskrimiautorin aus Venedig. Sie beschrieb ein Ereignis, von dem ihr wiederum ein Bekannter erzählt hatte. Der war eines Morgens mit dem Gazzettino unterm Arm vom Kiosk gekommen, als eine Dame im Pelzmantel seinen campo betrat und ihren kleinen, treu und unschuldig blickenden weißen Malteser von der Leine ließ.

 

Das freigelassene Hündchen schnupperte suchend auf dem Platz herum und kauerte sich endlich an einem Hauseingang nieder. Oben im ersten Stock stand ein Mann mit einer Tasse Kaffee am Fenster. Während der kleine Köter sein Geschäft verrichtete, verzog sein Frauchen sich demonstrativ unbeteiligt ans andere Ende des campo, und der Mann am Fenster trank seinen Kaffee aus.

 

Circa eine halbe Minute verging. Unterdessen wendete die Frau sich wieder dem Hund zu, die Haustür ging auf, und der Mann vom Fenster trat heraus. Er registrierte die Hinterlassenschaft vor seiner Tür, sah erst den Hund an, dann die Frau und erkundigte sich: »Verzeihen Sie, Signora, ist das Ihrer? «

Worauf sie in gekränkter Unschuld die Hände hochwarf und »Was fällt Ihnen ein! « rief.

 

Da lächelte der Mann, lockte den Hund mit sanfter Stimme, packte ihn, drehte ihn vorsichtig kopfüber und wischte mit seinem Rückenfell die Scheiße auf. Anschließend setzte er das Tier genauso behutsam wieder auf die Füße, grüßte die Frau mit einem höflichen »Buongiorno« und zog sich zurück.

 

Dieser kleine Beitrag ließ ihn ein wenig ungläubig schmunzeln.

 

Nun freute er sich auf die nahe Ankunft im Hafen - oder eigentlich mehr noch auf die Rückfahrt über die Autobahn mit seinem Audi. Der schwere Achtzylinder war auf dem neuesten Stand der Technik und huschte nur so über den Asphalt.

 

Der Tag, der so turbulent begonnen hatte, war nach der relativ simplen Erledigung des Pudel-Jobs in den nachfolgenden Stunden ruhig vorübergegangen. Während Frauchen den Vormittag in der Sonne verschlief, ließ sich das Hundchen problemlos anlocken und wahrscheinlich würde nie jemand erfahren, warum der Kleine nicht zu finden war, oder gar was ihm zugestoßen sein mochte.

 

Beim Lauern auf einen Schäferhund im Stadtwald, hatte Roger im letzten Herbst die Holzfäller beobachtet, wie sie durch gekonntes Werfen bzw. Fallen lassen der Kettensäge, bei gleichzeitigem halten des Startseiles, den Motor anwarfen. Es sah cool und lässig aus und brachte ihn darauf, dass er ebenfalls mal versuchen könnte, den Kläffern das Fell durch abruptes wegschleudern abzuziehen.

 

Es gehörte viel Training und Kraft dazu, aber mittlerweile hatte er die geeignete Technik entwickelt, machte die Schnitte mit seiner rasiermesserscharfen Klinge genau an den richtigen Stellen und zog so einem kleinen Pudel den gepflegten Pelz in kürzester Zeit über den Kopf. Am besten gefielen ihm immer wieder diese glatten, haarlosen Fleischoberflächen, die den Blick auf die eigentliche Form des Wesens freigaben.

 

Um keine offensichtlichen Spuren zu hinterlassen, musste er den Kadaver beseitigen. Die Hasen hatten unterhalb des Strandhafers einige Dünen durchlöchert. Diese Höhlen boten sich als tiefes Grab für den Balg und die Fleischteile bestens an, da die Hasen bei dem Geruch sicherlich diesen Bereich meiden und ohnehin keinen toten Hund ausbuddeln würden.

 

7

 

 

 

Als die Fähre langwierig und umständlich fest gemacht hatte und er sein Auto auf der ausgedehnten, unüberschaubaren Parkplatzanlage wieder erkannte, sah er schon von weitem, dass irgendetwas an der Fahrertür befestigt war.

 

Als er den Wagen erreichte, zupfte er das Papier mit einer unwilligen Bewegung aus dem Fenstergummi. Die Unbekannte hatte ihm eine Ansichtskarte mit einer Werbung für die Norddeutschen Küstenregionen ans Auto gesteckt. Auf der Rückseite stand etwas krakelig und mit Bleistift geschrieben:

 

  Sehr nette Begrüßung von Ihnen. Ihr Autokennzeichen entspricht meinen Initialen und dem heutigen Datum. Ich glaube nicht an Zufall, meine Handy Nr.: 019521206.

 

  Er hielt das für einen wahrhaftig unerfreulichen Zufall. Sie hatte sich seine Autonummer gemerkt und würde sie aller Voraussicht nach bestimmt nicht mehr vergessen. Einen Augenblick nur war er beim Einparken freundlich und charmant zu Ihr gewesen und nun hatte er prompt eine Spur hinterlassen.

 

Wahrscheinlich würde sie niemals im Leben nach der Autonummer gefragt werden. Zumal er ansonsten ziemlich unauffällig gearbeitet hatte und das Töten eines Hundes nach wie vor nur eine Sachbeschädigung war, die vom Staat meistens nicht besonders intensiv verfolgt wurde. Wenngleich es ihn eingangs sehr beschäftigte, fuhr er doch halbwegs beruhigt nach Haus.

 

Im Autoradio lief eine interessante Kultursendung und er hörte sehr aufmerksam zu. Leonardo da Vinci war das heutige Thema. Obwohl einiges aus seinem Werk und seine Schaffenskraft ausführlich dargeboten und besprochen wurden, ging niemand auf den Teil seines Forscher- und Entdeckungsdrangs ein, der ihn dazu verleitet hatte, mehrere Dutzend Menschen zu häuten und sorgfältig zu zerlegen.

 

 Roger wusste, dass er sich damals intensiv mit Anatomie befasste, um Menschen möglichst getreu abzubilden. "Derjenige, der nicht weiß, welche Muskeln welche Bewegungen verursachen", schrieb er, werde Muskeln in Bewegung nur "schlecht zeichnen". Sein Interesse an der Anatomie verselbständigte sich bald. Nachdem die Franzosen im Oktober 1499 Mailand erobert und Herzog Ludovico gefangen haben, ging Leonardo wieder in seine Heimatstadt Florenz, wo er in einem Hospital wohnte.

 

Nachts sezierte er Leichen - dass die Kirche darin eine verwerfliche Störung der Totenruhe sah, ließ ihn kalt. Obwohl Leonardo sich vor den stinkenden, verwesenden Körpern ekelte, schnitt er nach eigenen Angaben mehr als 30 von ihnen auf, Männer und Frauen jeden Alters. Mit seinen anatomischen Studien war er, nicht zuletzt dank seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten als Zeichner, der Zeit weit voraus.

 

 Leonardo wollte sein Leben lang ergründen, was unter der Oberfläche lag und viele seiner Gemälde und Zeichnungen von Lebewesen waren sicher so Ausdrucksstark, weil er akribisch analysierte und aufzeichnete, was unter der Haut passierte.

 

Ihn interessierte insbesondere, weshalb einige Bilder beim Betrachter so überaus starke Emotionen auslösten, als seien sie nicht Zuschauer, sondern Teil des Bildes und würden, wie bei einem ansteckendem Lachen oder Gähnen unfreiwillig manipuliert. Als könne die abgebildete Person wie ein Spiegelbild beim Betrachter Gefühle auslösen.

 

All diese wirklich spannenden Aspekte seines Lebens und auch die von ihm entwickelten zerstörerischen Kriegsmaschinen und Waffen fanden in der Radiosendung leider keinerlei Erwähnung.

 

 

 

Schon jetzt ansehen auf dem Kindle...

 und nun auch als Paperback ... ;-)