Zahnthese

Ich geh nicht so ausnehmend gern zum Zahnarzt. Und falls mal etwas schmerzt oder pocht, so halte ich das schon so ein bis zwei Tage aus, bevor ich mich auf den Weg zum Arzt mache. Manchmal geht das Zahnweh ja auch so wieder vorbei.

 

Nun tat es mal wieder an der gleichen Stelle weh, wie vor etwa einem Jahr. Und ich saß nach einiger Überwindung auf dem ungeliebten Zahnarztstuhl. Mein Zahnarzt gibt sich wirklich gehörig Mühe mit seinen Patienten, ist handwerklich überdurchschnittlich geschickt, sehr engagiert und verständnisvoll.


Sogleich bekam ich anhand der Röntgenaufnahmen meine Annahme bestätigt, dass da wohl ein Backenzahn entzündet sei.Nachdem ich mich entsprechend dieser Vermutung geäußert hatte und zudem erwähnte, dass meine Zähne zeitlebens dahin tendierten, blendend auszusehen und selten zu schmerzen, um dann jedoch überraschend von innen völlig ausgehöhlt zu sein, räusperte sich mein Zahnarzt.

 

„Ich erklär Ihnen das mal aus medizinischer Sicht“, sagte er mit leicht erhobenem Zeigefinger - worauf ich mich erwartungsvoll nach vorn beugte.


Und er fuhr in einer verhaltenen Vortragsmelodie fort: „Das erste Mal war ein Warnschuss, das hier, ist jetzt der zweite Warnschuss und beim dritten Mal wird es dann ernst …“ Ich blieb in meiner Erwartungshaltung sitzen.


Bei Verhandlungen bin ich es gewohnt, mir ausführliche Erklärungen anzuhören oder auch mal welche abzugeben. So saß ich nun da und wartete geduldig und mit fragenden Augen auf die kommende medizinische Sicht auf meinen schmerzenden Backenzahn.


Nach einigen sich lange dehnenden Sekunden kam von ihm ein „Ja, denn!“ Er hatte wohl schon alles Wichtige dazu gesagt und war nun ob meines erwartungsvollen Blickes etwas unsicher geworden.


Ich war ziemlich nah dran, aber ich lachte nicht. Auch als ich mir diese medizinisch-militärische Warnschusserklärung noch einmal in Ruhe vergegenwärtigte - um das medizinische darin zu erfassen - lachte ich nicht. Auf diesem Stuhl kann ich einfach nicht lachen.

 

„Na ja, die Medizin ist ja eigentlich auch keine Wissenschaft“, fiel einem Freund dazu als erstes ein.