Füße und Krallen

Ich schätze, ich war damals vielleicht elf oder zwölf Jahre alt. Ich lag schlafend im Bett und wegen der aufgeheizten Nachtluft schauten meine Füße leicht unter der Bettdecke hervor. Ich träumte von einer Spinne.

 

Ich mochte Spinnen schon immer gern. Von klein auf habe ich sie beobachtet und mit ihnen gespielt. In einem meiner ersten Schulaufsätze beschrieb ich haargenau, wie eine Kreuzspinne ihr Netz baut. Ich hatte mir ihr Vorgehen dabei sehr aufmerksam angesehen. Besonders hatten mich das stets gleichbleibende Arbeitstempo und die Präzision der Netzkonstruktion fasziniert.

 

Die Spinne von der ich soeben träumte, war etwa so groß wie eine Vogelspinne. Im Traum saß diese Spinne an meinem rechten Fuß. Sie klammerte sich fest und versuchte scheinbar, meine Sommer-Barfuß-Hornhaut vom großen Zeh abzuschälen. Es fühlte sich sehr echt an und ich zuckte und wackelte mit dem Fuß. Sofort war Ruhe. Der Traum war zu Ende.

 

Ich lag da, so halb wach und spürte ein eindringliches Alarmkribbeln am rechten Schlüsselbein, im Halsbereich und unter der Schädeldecke. Mein rechtes Bein hielt ich gänzlich angespannt und möglichst weit vom Körper abgestreckt. Mein Atem stand still und ich lauschte, nicht ganz sicher, ob ich vielleicht immer noch träumte.

 

Und dann war wieder was an meinem Zeh. Ich hätte beinah geschrien. Aber ich zuckte bloß wie wild mit dem Fuß herum und es war wieder Ruhe. Danach streifte mich etwas am Knöchel, dann an der Wade. Ich schlackerte mit dem Bein. Es war an der Kniekehle, in meiner Schlafanzughose und anschließend blitzschnell am Oberschenkel. Auch strampeln half jetzt nicht mehr, es war in der Hose gefangen.

 

Als es oben zwischen meinen Beinen ankam, wußte ich noch immer nicht was es eigentlich war. Es fühlte sich weich und warm an und es war blitzschnell und es hatte Krallen.

 

Ich griff unter meine Decke in den Schlafanzug und schnappte mir das Tier. Es kratzte oder biß mich in den Zeigefinger und ich schleuderte es vehement in einem hohen Bogen durchs Zimmer.

 

Erst als ich, trotz meines mächtig klopfenden Herzens, die kleinen Krallen über den Boden trippeln hörte und dem Gefühl in meiner Hand nachspürte, wurde mir klar, dass ich gerade eine Maus geschnappt und aus dem Bett geworfen hatte.