Küchenpsychologie

 

Wer lange in Ausbildung war und sich sein Studium selbst finanziert hat, oder wer sich überhaupt an die Zeit des ersten, behelfsmäßigen eigenen Hausstands erinnert, kann wahrscheinlich nachempfinden was das heißt: Es gibt keine hüpfende Waschmaschine mehr unter der selbst gesägten und von Herd und Kühlschrank unterbrochenen Arbeitsfläche. Kein Billy-Regal mit offenem Besteckkasten, in dem alles durcheinander liegt und auf dem die Nudelgläser neben den vertrockneten Kräutern stehen. Keine wackelnde Kaffeemaschine mit wilder Verkabelung auf der Fensterbank oder Hakenbretter an der Wand für die bunten angeschlagenen Becher. Die Frühstücksbrettchen nicht mehr frei zugänglich neben der Erdbeermarmelade von Mutti oder Aldi. Keine Sammelsuriumkisten in denen niemals etwas wiedergefunden wurde. Oder zumindest nicht das, was man gerade suchte.

 

 

Die neue wundervolle Küche war endlich fertig.Sie war beinah exact nach unseren Vorgaben gebaut. Viele Auszüge (die heißen nicht mehr Schubläden...) all überall. Hohe und breite für die Töpfe, passende für Gewürze, einige fürs Eßbesteck oder ein anderer für das Vorlegebesteck, wieder ein anderer für das Passierstabzubehör, einer für dies und einer für das. Und auch ein Auszug für Krimskrams, dass heißt für Streichhölzer mit Notfallkerzen, für die alte Schere als Ersatzschere, Gummibänder und sonstigem eher halb altem Hausrat von dem man sich noch nicht so richtig trennen mochte. Dazu gehörten auch zwei angelaufene alte Messer. Noch brauchbar, die Klinge allerdings vom Schmieren vieler Stullen schon ziemlich angelaufen und von mancher Kinderbastelstunde gezeichnet. Es gab in der Küche also einen etwas versteckten, von uns sehr wenig genutzten Auszug, der zumindest vom Inhalt her, an eine alte unsortierte Schublade erinnerte.

 

An einem schönen Sommertag haben wir zum Essen im Garten eingeladen. Ich koche gern. Besonders in einer so komfortablen neuen Küche. Auf dem Rasen sind die Gartenmöbel aufgestellt und es ist liebevoll eingedeckt und allen schmeckt es sichtlich gut. Beim Hauptgang fehlt trotz aller Sorgfalt ein Messer. Entweder es ist ins Gras gefallen oder es wurde vergessen. Die Psychologin unter den Gästen springt jedenfalls sofort hilfsbereit auf und flitzt auch sogleich los. „In der oberen Auszugsreihe, rechts neben den Gasbrennern ...“ rufe ich ihr nach. Sie hat nicht richtig zugehört und kommt mit einem dieser uralten Messer aus unserer Ramschlade angesaust. Meine Frage: „Wieso nicht das aus... “ wird von der mich völlig verblüffenden Antwort unterbrochen: „Es gab kein anderes“.

 

Der Stolz auf die moderne und gut sortierte Küche war etwas angekratzt und machte mit der Zeit einem nachdenklichen Erstaunen Platz. Es mündete gegen Ende des Menüs in der Einsicht: Vielleicht lassen Psychologen ja selbst nach Dienstschluss nicht von dieser überdurchschnittlich geschulten Fähigkeit ab, möglichst alte Sachen auszukramen, um diese dann wie selbstverständlich in die Gegenwart zu überführen.